Handelszeitung, 12.02.2008

Prozyklische Geldpolitik à la USA

Nach den US-Zinssenkungen ist bei den Investoren der Eindruck entstanden, die US-Notenbank (Fed) wolle den Bullen-Markt retten. Zu Recht?

Erwin Heri: Ich bin anderer Meinung. 2005 und 2006 erhöhte die Fed die kurzfristigen US-Zinsen so stark, dass es im Sommer 2006 zu einer Inversion der Zinsstrukturkurve kam. Dieses Instrument verwendet die Fed seit Jahrzehnten, wenn es darum geht, einen zu starken Konjunkturzyklus mit möglicherweise inflationären Wirkungen zu bremsen. Üblicherweise läuft dieser Mechanismus über eine Zinsverknappung ? einen «Credit Crunch» ?, der zu einer Schwächung der Konjunktur, oft gar zu einer Rezession führt. Dieses Muster lässt sich über die letzten 40 Jahre problemlos nachweisen.

Was geschieht jetzt?

Heri: Wann immer die entsprechenden Prozesse zu wirken beginnen, dreht die Fed den Spiess um und reduziert die kurzfristigen Zinsen, um der Zinskurve wieder eine normale Struktur und damit dem nächsten Aufschwung Luft zu geben. Das ist nichts anderes als konsequente prozyklische Geldpolitik à la USA.

Aber kann diese Politik die Rezession verhindern?

Heri: Die Normalisierung der Zinskurve ist in der Regel die Basis des nächsten Aufschwungs, da sie es dem Bankensystem wieder erlaubt, Geld zu verdienen, und die Kreditverknappung damit ein Ende findet. Ob wir vorher noch in eine veritable Rezession abgleiten, ist eher semantisch. Tatsache ist, dass die Konjunktur einen ziemlichen Grippeanfall hat.

Jedenfalls haben die Börsen jetzt eine US-Rezession vorweggenommen.

Heri: Anders als einzelne Finanzhäuser haben die Aktienbörsen die Inversion der Zinsstrukturkurve seit langem beobachtet und letztlich auch darauf reagiert. Das Ganze wurde durch das Platzen der Blase an den US-Kreditmärkten noch akzentuiert, ändert aber nichts am grundsätzlichen Muster.

Sehen Sie noch Chancen am Aktienmarkt?

Heri: Wer die langfristigen Risikoprämien an den Aktienmärkten abschöpfen will, findet gute Gelegenheiten. Vielleicht sind noch nicht alle negativen Konjunkturüberraschungen eingepreist. Die Bewertungen vieler Firmen sind aber tief. Der Markt wird den nächsten Aufschwung früh antizipieren.