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Stocks,
Februar 2008 |
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Finanzrisiken sind auch nicht mehr was sie einmal
waren.
Risikomanagement gehört mit zu den am meisten
verwendeten Wortwendungen in Wirtschaft, Politik und
Medien der letzten Jahre. Entsprechend findet der Terminus
auch Niederschlag in allen möglichen Vorlesungsverzeichnissen,
den Geschäftsberichten der Firmen, den Traktandenlisten
von Verwaltungsratssitzungen oder wo auch immer. Das
Managen von Risiken hat sich zu den edelsten Aufgaben
der Unternehmensführung entwickelt - und wie sich
jüngst gezeigt hat, nicht ganz ohne Risiko.
Der Grad an analytischer Durchdringung spezifischer
Risiken ist vielerorts sehr ausgeprägt. Nicht zuletzt
an den Finanzmärkten. Dies ist mit ein Grund, weswegen
an den entsprechenden Positionen nicht selten Mathematiker,
Statistiker oder Physiker sitzen. Auf der einen Seite
sind die an den Finanzbörsen zu beobachtenden Phänomene
relativ komplex und auf der anderen Seite stehen Unmengen
von Daten zur Verfügung, bei denen sich statistisch/mathematische
Analysen geradezu aufdrängen. Mit Hilfe quantitativer
Analysen und Modelle gelingt es im Normalfall auch,
die entsprechenden Prozesse, beispielsweise mit guten
alten Gauss'schen Verteilungen, vernünftig zu beschreiben
und darauf aufbauend Risikomodelle zu entwickeln. Im
Normalfall.
Leider ist nun aber der Normalfall nicht unbedingt
das, was uns im Risikomanagement wirklich interessiert.
Eben gerade nicht.
Und eigentlich wissen wir das nicht erst seit den kürzlichen
Unfällen im US Hypothekenbereich. Spätestens
seit dem Aktien-Crash im Herbst 1987 ist bekannt, dass
es an den Finanzmärkten Ereignisse gibt, die es
nach den Risikomodellen der ersten Stunde eigentlich
nicht geben dürfte. Bzw. sie dürften vielleicht
alle 10'000 Jahre einmal auftauchen, haben diesen Kredit
aber in den letzten 10 Jahren schon einige Male aufgebraucht.
Entsprechend reicht es inzwischen nicht mehr, wenn oberste
Kreise beschwören, geschehene Unfälle hätten
objektiverweise gar nicht passieren können.
Man sollte sich langsam an das Faktum gewöhnt haben,
dass der Stressfall nicht mehr einfach ein um ein paar
Standardabweichungen aufgeblähter Normalfall innerhalb
einer Gaus'schen Verteilung ist. Risikomanagement ist
nämlich deswegen anspruchsvoller geworden, weil
wir heute mehr über die risikogenerierenden Prozesse
wissen als noch vor 10 Jahren. Weder hat diese Einsicht
aber bisher überall Einzug gehalten, noch macht
sie die Aufgabe des Risikomanagers einfacher.
Heute weiss man (nicht zuletzt auch in den hochbezahlten
Risk-Abteilungen der Grossbanken), dass die während
Jahren verwendete Gauss'sche Analyse - sprich, die Normalverteilung
- eigentlich nie ein wirklich adäquates Instrument
für das Risikomanagement war. Auch wenn der Begriff
des Value-at-Risk (VaR), der aus der entsprechenden
Analyse abgeleitet ist, auch heute noch das Schlagwort
Nummer eins im Risikomanagement ist. Während die
Normalverteilung unter normalen Bedingungen vielleicht
eine vernünftige Beschreibung des Verhaltens von
Finanzmarktpreisen abgeben mag, sind wir eben im Risikomanagement
daran interessiert, was unter speziellen Bedingungen
an den Märkten passiert.
Des Weiteren ist ein Markt kein statistisch/physikalisches
Konstrukt, das man mit einfacher Analysis simulieren
kann. Ein Markt ist ein soziales System, das sich nicht
immer im Gleichgewicht befindet und nicht zuletzt durch
Feedbacks charakterisiert ist. Für das Risikomanagement
bilden in einem solchen System vor allem die Ungleichgewichte
und das Chaos die relevanten Fragestellungen und nicht
eine irgendwie definierte "Normalität"
(innerhalb welcher der VaR sinnvoll wäre).
Mehr und mehr wird heute in diesem Zusammenhang von
so genannten komplexen adaptiven Systemen gesprochen,
wie man sie aus der Meteorologie oder der physikalischen
Stromanalyse kennt. Dies sind Modelle, innerhalb welchen
beispielsweise der sprichwörtliche Schlag des Schmetterlings
einen Taifun auslösen kann oder Wasser in einem
ruhigen Bachbett plötzlich gefährliche Wirbel
entwickelt. Wenn man solche Modelle in einen sozialen
Kontext wie einen Markt einbaut, dann können darin
"endogene Wirbel" entstehen, die ihren Ursprung
in einfachsten Verhaltensänderungen von Marktakteuren
haben. Solche Veränderungen können abrupt
erfolgen oder auch sehr langsam. Es können Mode-
oder andere Strömungen sein, Fads and Fashions,
die das System zunächst nur unwesentlich beeinflussen,
plötzlich aber zu einer Art Zustandsänderung
führen, die unter Umständen einem Tsunami-gleich
zu Überflutungen oder auf der anderen Seite zu
Austrocknungen der Märkte mit den entsprechenden
Preisreaktionen führen können.
Wenn man diese Elemente nun noch verbindet mit den
Erkenntnissen und den Modellen, die sich in den letzten
Jahren rund um den Begriff der "Behavioral Finance"
etabliert haben, dann wird das Set möglicher Kurs-
und Risikoprozesse noch einmal reicher. Die Zufallsmuster
der Preisentwicklung bleiben dabei ähnlich; im
Zweifelsfall werden sie noch etwas hässlicher.
Im Kontext des Risikomanagements produziert solche
"behavioristische Systemdynamik" Strukturen,
die nicht so leicht analytisch zu durchdringen sind.
Sie liegen aber wesentlich näher an der Realität
als die traditionellen Denkansätze. Und Risikomanagement
sollte sich doch eigentlich mit dem auseinandersetzen,
"was passieren kann" und nicht mit dem, was
man modelltheoretisch gerade noch in den Griff bekommt.
Es scheint, als hätten wir hier noch einiges an
Arbeit vor uns. Auch und nicht zuletzt in den Riskmanagement
Abteilungen der Grossbanken.
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