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Basler
Zeitung, 02.06.2008 |
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Der Markt und seine "Fair Values"
Für viele Leute sind die Zeiten längst vorbei,
als sie "dem Markt" eine Rationalität
im Sinne von "markets do things right all the time"
zusprachen. Zu offensichtlich sind die zahlreichen "Bubbles"
und "Crashes" und sonstigen Irrationalitäten,
die - namentlich an den Finanzmärkten - immer wieder
deutlich machen, wie weit Preise und Kurse von irgendwelchen
fundamental gerechtfertigten Niveaus weg katapultiert
werden.
Wer diese Form von fundamentaler Rationalität
an den Finanzmärkten sucht, hat sich verrannt.
An den Finanzmärkten werden nicht Güter gehandelt,
denen man jeder Zeit auf einfache Art und Weise einen
fundamentalen Wert zuordnen kann. An den Finanzmärkten
werden zum Teil komplexe Zahlungsversprechungen und
-verpflichten gehandelt, für welche es zwar fundamentale
Einschätzungen geben mag, die aber kurzfristig
von so zahlreichen Imponderabilien beeinflusst werden,
dass der Langfristwert oft kaum mehr ersichtlich wird.
Die Börsen haben durchaus die Fähigkeit, langfristig
die Gewinner und Verlierer im global Wirtschaftsgeschehen
zu identifizieren. Und entsprechend werden sie dafür
sorgen, dass finanzielle Mittel in die Kanäle fliessen,
wo sie die beste Wirtschaftlichkeit finden. Ein langfristig
durchaus rationaler und effizienter Allokationsmechanismus.
In der kurzen Frist sind aber die Finanzbörsen
immer mehr ein Marktplatz für Hoffnungen, Träume,
Angst und Gier. Und wer an der Rationalität und
Effizienz des kurzfristigen Marktergebnisses zweifelt,
sollte daran denken, dass der Markt nichts anderes repräsentiert,
als das Angebots- und Nachfrageverhalten einer grossen
Anzahl involvierter Marktteilnehmer. Viele von ihnen
sind kurzfristig orientiert, auf das schnelle Geld aus
und die lange Frist interessiert sie nicht, denn "
in the long run we are all dead". Im übertragenen
Sinne enthält eben der Preis auch das Wissen um
diese kurzfristigen Psychosen. Das kurzfristige Marktergebnis
ist entsprechend nicht mehr und nicht weniger rational
oder irrational als die involvierten Marktteilnehmer.
Fundamental orientiertes Wirtschaften dürfte eigentlich
von diesen kurzfristig psychologischen Aspekten abstrahieren.
Eigentlich. Nun ist die Sache aber nicht ganz so einfach.
Die Orientierung der Rechnungslegung auf die kurze Frist
(Quartalsergebnisse) sowie die Konzentration auf Marktpreise
("fair values"), die wir in den letzten Jahren
allenthalben sehen, führt dazu, dass jede Form
von kurzfristiger Marktverwerfung sich eins zu eins
in den Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechungen unterschiedlichster
Unternehmen und Anleger wieder findet. Dort lösen
sie nicht selten Aktionen aus, die den langfristig/fundamentalen
Interessen der Unternehmensführung zuwiderlaufen.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich in dieser Kolumne
das "Fair Value" Accounting kritisiere. Schon
im Aktiencrash der Jahre 2000-2002 war dieser Ansatz
wesentlich dafür verantwortlich, dass Versicherungsgesellschaften
im dümmsten Moment ihre Aktienpakete liquidieren
mussten und dadurch den Aktiencrash erst richtig in
Fahrt brachten. Mit der Sub Prime Krise in den Bank-
und Versicherungsbilanzen scheinen die obigen Überlegungen
immerhin ein neues Publikum gefunden zu haben. So reklamiert
ein hoher Vertreter von AIG - einer der weltweit grössten
Versicherungskonzerne - es sei doch eigentlich unverständlich,
dass man wegen kurzfristiger Marktverwerfungen Verluste
auf Finanzanlagen ausweisen müsse, die man auf
keinen Fall verkaufen wolle. Und der angesehene Wirtschaftsprofessor
Paul Grauwe befürchtet, die "Mark-to-Market"-Tyrannei
könnte geradewegs in den Abgrund führen. Etwas
späte Einsichten, nachdem allenthalben schon vor
Jahren davor gewarnt wurde, dass die entsprechenden
Regeln zu einer wesentlichen Erhöhung der Volatilitäten
sowohl des Eigenkapitals als auch der Gewinn- und Verlustrechnung
führen würde. Die letzten Monate liefern,
leider einmal mehr eindrückliche Evidenz hierfür.
Einfache Lösungen für das Problem gibt es
nicht. Aber allein schon ein besseres Verständnis
dafür, wie (aus fundamentaler Sicht gelegentlich
unsinnig) Marktpreise kurzfristig determiniert werden,
und die Erkenntnis, dass "Markt nicht gleich Markt"
ist und man sich ab und zu Gedanken über die Liquidität
von Märkten machen sollte, führt vielleicht
in die richtige Richtung. Es wird langsam Zeit, dass
die "Rule Setter" - sprich, die Wirtschaftsprüfer,
die Börsen, das International Accounting Standard
Board (IASB), die Rating Agenturen etc. - bezüglich
der obigen Fragen den konstruktiven Dialog mit der Wirtschaft
suchen.
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