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Stocks,
26.04.2006 |
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Die Transparenzpsychose
Vielleicht werden die nächsten zehn Jahre als
das Jahrzehnt der Transparenz in die Annalen eingehen.
Corporate Governance, das Ende der stillen Reserven,
Jahresberichte, deren Finanzteil dicker ist als die
Berichterstattung über den Geschäftsgang oder
die Produktstrategie. Endlich wissen wir jetzt auch,
wie viele Aktien jedes Mitglied des Verwaltungsrats
einer Gesellschaft persönlich besitzt und bald
können wir nachlesen, wann es einmal solche Aktien
ge- oder verkauft hat. Aber es wird noch viel besser:
Endlich wissen wir, was die Geschäftsleitungen
verdienen - wir haben es nämlich schon immer vermutet,
aber jetzt wissen wir es. Und wenn wir noch ein bisschen
weiter kämpfen, dann werden wir schon bald nicht
nur wissen, was Herr Vasella verdient, sondern auch,
was sein Prokurist bekommt - der ist ja vielleicht unser
Nachbar! Teil der verbesserten Transparenz ist auch,
dass wir jetzt nicht mehr bis Ende Jahr warten müssen,
bis wir die Geschäftsabschlüsse unserer Unternehmen
sehen. Wir kriegen sie jetzt jedes Quartal. Wir wurden
zwar schon immer während des Jahres über Umsätze,
Kostenentwicklungen und ähnliches unterrichtet.
Aber Hand aufs Herz: Eigentlich wollten wir doch schon
immer eine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung
und eine konsolidierte Bilanz auf Quartalsebene. Brave
New World. Die Amerikaner hatten's immer schon besser,
die haben das alles nämlich schon viel länger
als wir. Und entsprechend geht da auch jeweils am Ende
eines Quartals an den Aktienbörsen "einiges
ab". Da kann eine Firma nicht nur am Ende des Jahres
die Analystengemeinde enttäuschen oder überraschen.
Sie kann es nach jedem Quartal tun - mit der entsprechenden
"Musik" an den Aktienbörsen. Bald haben
wir das alles in allen Details ja auch.
Zynismus beiseite.
Ich will nicht auf abgetretene Pfade einschwenken und
wiederholen, dass die grössten Unternehmensskandale
der letzten Jahre auf der anderen Seite des Atlantiks
entstanden sind, und dass die Gehälter von Unternehmensführern
dort ein Mehrfaches der hiesigen ausmachen. All das
trotz der grossen Sprüche von wegen Corporate Governance,
Corporate Control und Transparenz. Aber vielleicht fragt
sich der geneigte Leser doch einmal, was ihm die Entwicklung
der letzten Jahre eigentlich gebracht hat. Wer liest
sie denn die Beilagen zur Finanziellen Berichterstattung
der Unternehmen? Und wenn man sich doch einmal durch
einen solchen Bericht durchbeisst, hat man dann wirklich
mehr Informationen als früher (immer unter der
Annahme, dass man alle die Änderungen der "Accounting
Rules", "Regulatory Restrictions", etc.,
die ja oft in wunderbarem Juristen- oder Finanzenglisch
verfasst sind, auch wirklich versteht)? Und was haben
wir wirklich davon, dass wir jedes Quartal alle Details
des gesamten Finanzabschlusses über uns ergehen
lassen müssen? Genügt es nicht, wenn wir eine
vernünftige Darstellung dessen bekommen, was "im
Geschäft" wirklich abgelaufen ist? Ich weiss,
dass diese Sicht naiv und unmodern ist. Aber gelegentlich
bekommt der geneigte Beobachter der Szene das Gefühl,
dass die Transparenz- und Kurzfristpsychose, die auch
bei uns immer weitere Blüten treibt, vor allem
ein Riesenbusiness ist. Über was sollten denn die
Wirtschaftsblätter schreiben, wenn sie keine Quartalsabschlüsse
mehr kommentieren könnten? Womit sollten die Analysten
ihre Kaufs- und Verkaufsempfehlungen und damit die Börsenkommissionen
rechtfertigen, wenn sie nicht regelmässig über
Unternehmensabschlüsse überrascht oder enttäuscht
sein dürften? Und womit liessen sich die exorbitanten
Revisionsgebühren der Unternehmen rechtfertigen,
wenn da nicht laufend neue Kontroll- und Revisionsnotwendigkeiten
erschlossen würden (Sarbanes-Oxley lässt grüssen!)?
Vielleicht lässt sich hier beiläufig die
Frage einstreuen, wie es denn die Individuen und Marktteilnehmer,
die man ja eigentlich mit all diesen Regulierungen schützen
will, mit den Transparenzanforderungen halten, wenn
es sie selber betrifft? Wie sieht es denn beispielsweise
mit dem Wissen um die Pensionskassenansprüche aus?
Immerhin bilden diese für die meisten Mitbürger
den mit Abstand grössten Teil ihres Vermögens
(auch wenn dies vielen Leuten nicht bewusst ist!). Oder
wie sieht es mit der Krankenversicherung aus? Wissen
wir wirklich, für oder gegen was wir versichert
sind? Oder haben wir nicht alle Angst davor, dass "wenn
mal etwas passiert", wir vielleicht das Kleingeschriebene
doch nicht richtig verstanden haben (oder die Brille
nicht reichte um es zu lesen)? Oder wie sieht es mit
den Bankbelastungen aus? Wissen wir wirklich, was wir
wo, wann bezahlen und ob nicht irgend jemand, irgendwo,
irgendwelche Kommissionen abzweigt, von denen wir nichts
wissen? Fragen über Fragen, die interessanterweise
wesentlich weniger thematisiert werden als Fragen der
"öffentlichen Transparenz". Einer der
Hauptgründe dieser Dichotomie ist, dass wir als
Individuen mit unseren Geschäftspartnern, unsere
Arbeitgeber, unsere Pensionskasse, unsere Bank oder
unsere Versicherung in einem partnerschaftlichen Vertauensverhältnis
stehen und es "der eine für den anderen schon
richten wird". So sind wir eben erzogen und gross
geworden. Nun besagt ein altes Sprichwort, das Vertauen
gut, aber Kontrolle besser ist. Es geht mir bei meinen
Überlegungen nicht darum, blindlings zu vertauen.
Es geht mir aber darum, dass die "Kultur des Wirtschaftens"
in unseren Breitengraden immer noch darauf aufbaut,
dass vertauenswürdige Individuen miteinander in
Interaktion treten, und dass Kontrolle dazu dient sicherzustellen,
dass man sich nicht grundsätzlich täuscht.
Andernorts läuft dies offensichtlich umgekehrt.
Wenn wir aber als Individuen in Transparenzfragen unserem
Vertauensmodell offensichtlich noch nicht völlige
Absage erteilt haben, dann sollten wir uns überlegen,
ob wir uns in Fragen der "öffentlichen Transparenz"
unbedingt in jedem Fall nach anderen Mentalitäten
auszurichten haben.
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