Stocks, 20.02.2006

Höchststände? Natürlich!

Die Vögel pfeifen es von den Dächern: Vielerorts haben die Aktienmärkte im 2005 wieder einmal ein Prachtsjahr hingelegt. Und in der Tat hat der SPI (Swiss Performance Index) in den letzten Wochen wieder einmal historische Höchststände erreicht. Und noch ein mancher, der im Frühjahr 2003 gemeint hattte, mit Aktien würde man wohl nie mehr etwas verdienen, mag sich heute - über 50 Prozent später - verwundert die Augen reiben. Natürlich hat nicht jede einzelne Aktie schon wieder das Niveau vor den grossen Korrekturen der Jahre 2001 und 2002 erreicht. Dass die Schwankungsbreite einzelner Valoren grösser ist, als der Index, und dass man für diese Risiken an den Aktienmärkten nicht systematisch höhere Erträge erwarten kann, weiss man allerdings schon ziemlich lange.

Die Indexwerte - zumindest wenn man die Gesamterträge analysiert - notieren jedenfalls in der Nähe der historischen Höchststände, oder haben diese bereits hinter sich gelassen.

Und jetzt? Die Bäume wachsen nicht in den Himmel; das wissen die meisten noch aus den Jahren 2001 und 2002. Nicht wenige haben damals mit schlottrigen Knien ihre Positionen verkauft, sind seither nicht mehr zurückgekommen und haben entsprechend den Aufschwung der letzten 30 Monate verpasst. Schade. Aber wie ist es nun mit den inzwischen erreichten historischen Höchstständen, wenn wir doch wissen, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen? Müssen wir uns jetzt auf die nächste grössere Korrektur vorbereiten, einfach nur weil "... what goes up must come down"?

Vielleicht kommt sie, die grosse Korrektur. Aber sicher nicht einfach deswegen, weil die Kurse in der jüngeren Vergangenheit so stark angestiegen sind. Zunächst gilt es nämlich eine Reihe von Punkten zu beachten: Die Börse reagiert in aller Regel auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne und damit auf die allgemeine Wirtschaftssituation. Und in der Tat haben uns die letzten Jahre mit einer einigermassen vernünftigen Konjunktur geradezu eine Explosion der Unternehmensgewinne gebracht. Des weiteren hat uns die weltweite Korrektur der Dot-com-Blase und die nachfolgende Börsentalfahrt in den Jahren 2001/02 bis ins Frühjahr 2003 eine fundamentale Unterbewertung der meisten Aktienbörsen gebracht, die es zunächst wiederum zu korrigieren galt. Dies sind aber eher kurzfristige Aspekte.

Für längerfristige Analysen sollte man beachten - und dies bringt uns dann wieder zur Beurteilung der historischen Höchststände zurück -, dass die generelle Börsenentwicklung einem langfristigen Trend unterliegt. Dies erkennt man deutlich, wenn man sich Langfrist-Charts der Total-Return Indizes (das sind diejenigen Indizes, die nicht nur die Kursveränderungen der Aktien berücksichtigen, sondern auch die direkten Erträge, die den Aktionären zukommen) anschaut. Gute Beispiele sind die Zahlenreihen, die jährlich von der Banque Pictet&Cie für die Schweizer Börse (über die letzten 70 Jahre) erhoben werden oder die Analysen, die an der London Business School für eine grosse Anzahl Länder über ein ganzes Jahrhundert erstellt werden. All diese Arbeiten zeigen deutlich, dass die Aktienbörsen allesamt einem langfristigen Trend unterliegen, der sie im Durchschnitt per annum um 6-10% ansteigen lässt. Eine oberflächliche ökonomische Analyse macht auch klar, woher ein solcher langfristiger Trend kommt. Er hat mit dem langfristigen Trend der Wirtschaftsentwicklung, mit Innovation und Produktivitätsfortschritt zu tun. Wenn dies aber so ist, und wenn wir des weiteren davon ausgehen, dass die westlichen Industrieländer weiter wachsen werden - wie dynamisch oder wenig dynamisch auch immer. Wenn wir ferner glauben, dass uns auch in Zukunft die guten Ideen - sprich: Innovation - nicht ausgehen werden, dann sind historische Höchstkurse an den Aktienbörsen zumindest analytisch nichts besonders aufregendes. Eine trendbehaftete Zeitreihe liefert immer wieder "historische Höchstwerte". So sind Trends definiert. Bei den Aktienindizes verkennt man dies deswegen gelegentlich, weil die Schwankungen um den Trend ziemlich heftig ausfallen und eine Weile andauern können, weil man nicht eingestehen will, dass diese Trends existieren oder weil die lange Frist schlichtweg nicht interessiert. Professor Kahnemann, Nobelpreisträger für Nationalökonomie, hat sich kürzlich darüber mokiert, dass Anleger nicht im Stande seien, von der Historie zu lernen. Vielleicht meinte er damit, dass uns vor lauter kurzfristiger Hysterie die Fähigkeit abhanden gekommen ist, die längerfristigen Tendenzen zu erkennen. Dass eine Aktienstrategie, die auf 10 Jahre oder länger ausgerichtet ist, dem durchschnittlichen Anleger mehr Erfolg verspricht als ewiges "Hin- und Herheuen" wissen wir eigentlich schon länger. Vielleicht ist vielen aber nicht bewusst, dass dies mit den zugrundliegenden langfristigen Trends zu tun hat, die letztlich immer wieder "historische Höchstwerte" produzieren.