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Stocks,
16.06.2006 |
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Allzu viel ist ungesund
Es ist noch keine zehn Jahre her, dass wir aus den
Firmensitzen zahlreicher Schweizer Grossunternehmen
Bemerkungen hörten, die sich gegen den immer mehr
um sich greifenden amerikanischen Formalismus und gegen
das kurzfristige Denken richteten, die sich in den damals
immer stärker um sich greifenden Quartalsabschlüssen
amerikanischer Unternehmen äusserten. Das waren
die Zeiten - wie gesagt, es ist noch nicht zehn Jahre
her -, als wir uns damit begnügen mussten, dass
bei vielen Schweizer Firmen so zwischen April und Juni
endlich darüber berichtet wurde, wie denn das letzte
Jahr finanziell ausgesehen hatte. Das Rechnungswesen
und die Revisionsgesellschaften brauchten die ersten
paar Monate des neuen Jahres um einen Geschäftsabschluss
zu produzieren, der aufzeigte, wie das letzte Jahr "gelaufen"
war.
Heute ist das völlig anders. Nicht wenige Unternehmen
loben sich, dass schon früh im Februar - bei den
"Klassenbesten" schon im Januar -, nicht nur
testierte Jahresabschlüsse vorliegen, sondern sogar
schon gedruckte Jahresberichte. In den USA (natürlich
in den USA!) werden die Zahlen wichtiger Konzerne bereits
15 Tage nach Ende des Geschäftsjahres präsentiert.
Das muss so sein, denn schon bald nach Jahresende will
man sich ja mit dem Abschluss des ersten Quartals beschäftigen,
damit man den Informationshunger der Investoren so etwa
ab Anfang März mit den ersten Schätzungen
für das erste Quartal besänftigen kann.
"Brave New World". "Brave New World"?
Vielleicht. So schreibt ein "Zürcher Blatt",
das sich gerne als Benchmark des Wirtschaftsjournalismus
in der Schweiz sieht, dass "...wer früh mit
Zahlen an die Öffentlichkeit gelangt ... Vertrauen
und Transparenz schafft; eine frühe Publikation
ist nicht zuletzt ein Zeichen einer gut funktionierenden
Organisation und gesunder Finanzen".
Natürlich waren die Verhältnisse vor zehn
Jahren völlig anders. Weder hatte man die Systeme,
noch die Prozesse, noch waren vielerorts die Zahlen
sauber genug aufbereitet, um überhaupt kurzfristig
über alle Details zu informieren. An einzelnen
Ort waren noch nicht einmal die kritischen Geschäftszahlen
bekannt, die kurzfristige Reaktionen möglich gemacht
hätten. Und ohne Zweifel waren die Bemerkungen
von wegen Langfristigkeit und strategischem Denken oft
auch eine Ausrede für Defizite im Controlling und
teilweise im Rechnungswesen. In dem Sinne war der Druck
in Richtung Transparenz und prozessorientierter Zahlenaufarbeitung
durchaus heilsam.
Aber jedem, der meint, Jahresabschlüsse müssten
doch eigentlich noch im Januar und erste Quartalsschätzungen
schon im März erstellt werden (für welche
Industrie auch immer), weil dies sei "State of
the Art" sei und schliesslich etwas mit "gesunden
Finanzen" zu tun habe, dem sollte es gegönnt
sein, sich einmal die Erstellung eines Jahresabschlusses
eines globalen Konzerns, der vielleicht 150 Firmen in
120 Ländern konsolidiert "von innen"
anzusehen. Vielleicht würde er dann merken, dass
der Geschäftsabschluss für das Jahr X (trotz
Testat!) vielleicht halt doch nicht ganz alles enthält,
was das Jahr X gebracht hat, einfach weil es vielleicht
- je nach Industrie -, z.B. Geschäftsvorfälle
in Burma zwischen Weihnachten und Neujahr nicht mehr
bis in die Schweiz geschafft haben. Vielleicht hat man
im November "die Bücher bereits geschlossen"
und für den Dezember Schätzungen gemacht.
Pech für den, beispielsweise eine Versicherungsgesellschaft,
dem "ein Lothar passiert" (der Wintersturm
"Lothar" war zwischen Weihnachten und Neujahr).
Vielleicht ist dann dieses Ereignis so wichtig, dass
die Revisionsgesellschaft "noch ein bisschen nachdenken
muss", bevor sie das Testat geben kann. Was machen
wir dann aber mit den Terminen, für welche bereits
zur Presseorientierung eingeladen wurde und mit den
Reservationen der Druckerei für den Geschäftsbericht?
Etc.etc.
Ich kenne die Details um Addeco nicht. Ich weiss aber
als Anleger, dass mich der Fall etwa 100 Mio Euro an
Revisions- Anwalts- und Beraterhonorare gekostet hat
und der Börsenwert des Unternehmens vorübergehend
um über 5 Mrd Franken zurückgegangen ist.
Nach all den Beschreibungen, die man zum Fall liest,
mag durchaus etwas ähnliches geschehen sein, wie
oben beschrieben.
Wir werden weitere solche Fälle bekommen. Sie sind
systemimmanent, wenn man das System in der Art und Weise
strapaziert, wie wir es gerade tun. Wenn man so tut,
als würde Geschwindigkeit in der Berichterstattung
per se Wert schaffen, als wäre Tagfertigkeit eines
Abschlusses bei einer Versicherungsgesellschaft das
gleiche, wie bei einer Kinogesellschaft oder wenn man
einfach alles über einen Leisten schlägt.
In aller Regel muss der Investor hinhalten, wenn es
um den letztlichen Adressaten dieser Informationen geht.
Der Investor habe doch das Recht, eine "true and
fair" Darstellung der Unternehmenszahlen des letzten
Jahres (Quartals) zu bekommen und dies nicht erst Wochen
und Monate im nachhinein. Richtig. Aber welcher Investor?
Der institutionelle Anleger, der einen jahrzehntlangen
Anlagehorizont hat, breit diversifiziert ist und vor
allem langfristige Substanzerhaltung sucht? Oder der
private Anleger, der sich hüten sollte, kurzfristig
irgendwelchen Moden nachzurennen, weil die entstehenden
Kommissionen sonst seine Performance allzusehr strapazieren?
Es sind nicht die Investoren, die Kurzfristigkeit suchen.
Es sind gewisse Industrien, für welche die Kurzfristigkeit
an den Finanzmärkten zu einem grossen Business
geworden ist. Es sind beispielsweise die Revisionsgesellschaften,
die mit zunehmender Regulierung immer mehr Umsatz machen,
bis wir am Schluss auch noch die Quartalsabschlüsse
testieren lassen (aber bis dann haben wir ja vielleicht
schon Monatsabschlüsse). Es sind die Wertschriftenhändler,
die mit immer kürzerer Kadenz Kaufs- und Verkaufsempfehlungen
publizieren können, und es sind nicht zuletzt gewisse
Medien, denen jeder Geschäftsabschluss (und jeder
"vermasselte" Geschäftsabschluss sowieso)
den Stoff für blumige Schlagzeilen liefert.
Es geht nicht darum, dass ich in irgend einer Art und
Weise gegen Transparenz, Offenheit oder "true und
fair" wäre. Ganz im Gegenteil. Es geht aber
darum, dass gerade diese Kriterien oft nicht durch erzwungenen
Formalismus erreicht werden. Letztlich ist es in unseren
Breitengraden immer noch so, dass nicht nur Zahlen und
Geschäftsabschlüsse "true und fair"
sein sollen, sondern vor allem Leute.
Entsprechend geht es auch nicht um die Frage, inwiefern
Augenmass und gesunder Menschenverstand unter die Räder
von Formalismen und seinen Automatismen geraten, denn
das ist bis zu einem gewissen Grad bereits geschehen.
Es geht um die Frage, ob wir solches noch weiter spinnen
wollen oder ob es vielleicht Zeit geworden ist, das
Rad mal wieder ein wenig zurückzudrehen und wieder
in etwas breiteren Kategorien zu denken. Vielleicht
würde uns das die Chance geben, bei unerwarteten
Zwischenfällen, von denen wir einzig und alleine
wissen, dass sie sich irgendeinmal einstellen, den Stab
etwas genauer zu betrachten, bevor wir ihn brechen.
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