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Basler
Zeitung, 12.06.2006 |
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Erstens kommt es anders...
Hochkonjunktur. Die Wirtschaft läuft wie geschmiert.
«Nur die USA wachsen noch schneller», waren
die zum Teil euphorischen Kommentare auf die Zahlen
zum realen Wachstum des Schweizer Bruttoinlandproduktes
im 1. Quartal. Natürlich werden auch die Konjunkturprognosen
sofort nach oben angepasst, Strukturprogramme in Frage
gestellt, und wer auf die Risiken aufmerksam macht (Dollar,
Rohstoffe, Immobilien) wird als ewig Gestriger verschrieen,
denn der Aufschwung findet ja vor allem im Kopf statt.
Freude herrscht.
Natürlich gilt es, die oben erwähnten Risiken
nicht aus den Augen zu verlieren. Aber mit einem möglichen
Dollarabsturz in Reaktion auf die immer grotesker werdenden
US-Defizite leben wir bald seit Jahrzehnten. Und in
unregelmässigen Abständen bekommen wir die
Konsequenzen zu spüren. Dass die Explosion der
Rohstoffpreise noch kaum Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum
zu haben scheint, bestätigt vielleicht die Robustheit
des Aufschwungs. Auch die Immobilienpreise brauchen
nicht einfach eine Katastrophe auszulösen, weil
sie hoch sind. Einen risikofreien Aufschwung haben wir
ja schliesslich noch gar nie gesehen.
Ähnliche Muster. Bei all diesem blauen Himmel,
gibt es aber untrügerische Zeichen, dass der gegenwärtige
Konjunkturaufschwung bald zu einem Ende kommt. Und das
tut er auch ohne Katastrophe. Wir müssen nur die
Konjunkturgeschichte der letzten 40 Jahre analysieren.
Konjunkturaufschwünge sind immer nach ähnlichem
Muster abgelaufen. Wenn ein Aufschwung einmal ein gewisses
Alter hat, entwickelt er inflationäre Tendenzen.
Diese rufen die Zentralbanken auf den Plan, deren Ziel
letztlich darin besteht, die Inflation im Zaume zu halten.
Neben einer stabilen Geldangebotspolitik tun sie dies
vor allem über die Zinspolitik. Dabei sind nicht
alle Zentralbanken gleich radikal. Die Politik des US-Notenbank
ist dabei am ausgeprägtesten. Wenn immer inflationäre
Tendenzen entstehen, führt die Zinspolitik auf
der anderen Seite des Atlantiks zu einer Inversion der
Zinsstrukturkurve. Auf gut Deutsch: Die von der Zentralbank
beeinflussten Kurzfristzinsen werden über Langfristzinsen
angesetzt. Eine solche Zinskonstellation ist für
die Wirtschaft etwa das Gleiche, wie wenn man dem Feuer
den Sauerstoff entzieht. Und die Wirkung ist auch die
gleiche: Das Feuer geht aus. Und wenn das Wirtschaftsfeuer
ausgeht, dann ist in der Regel auch die Inflationsdynamik
weg und die Zentralbank hat ihr Ziel erreicht. Zwar
über den Umweg einer Konjunkturabschwächung,
oft einer Rezession, aber immerhin. In dieser Situation
gibt dann das Fed wieder Gas, reduziert in oft gewaltigen
Zinsschritten den kurzfristigen Zins und dreht so den
Sauerstoffhahn wieder auf. Dieses Verhalten der Zentralbank
produziert im eigentlichen Sinne die Konjunkturzyklen,
wie wir sie in den letzten 40 Jahren erlebt haben.
Inverse Zinsstruktur. Natürlich werden diese Muster
immer wieder überlagert durch irgendwelche exogenen
Faktoren oder Schocks, aber die Muster als solche sind
unverkennbar. Und der Analytiker tut gut daran, diese
Zeichen nicht zu ignorieren. In der Tat haben wir in
den USA in den letzten 40 Jahren keinen Konjunktureinbruch
gesehen, dem nicht eine Inversion der Zinsstrukturkurve
vorausgegangen wäre. Oder expliziter: Jeder Inversion
der Zinsstrukturkurve ist direkt ein Wirtschaftsabschwung
- in der Regel eine Rezession - gefolgt. Mit immer grösserer
Synchronität findet sich dieses Muster auch auf
dieser Seite des Atlantiks.
Und was hat das mit der gegenwärtigen Situation
zu tun? Die Inflationsraten haben angezogen. Seit einigen
Wochen hat die Politik der US-Notenbank zu einer Inversion
der Zinsstrukturkurve in den USA geführt. Wiederholt
sich die Geschichte? Vielleicht nicht. In den letzten
40 Jahren hat sie es aber immer getan. Es dürfte
sich schon heute auszahlen, sich auf eine etwas rauere
Konjunktursee einzurichten.
* Erwin W. Heri ist Professor für Finanzmarkttheorie
am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum (WWZ) der Universität
Basel.
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