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Basler
Zeitung , 26.09.2005 |
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Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser
Ich habe mich an dieser Stelle schon wiederholt zur
gegenwärtigen Transparenz- und Kontrollpsychose
bei der Unternehmensberichterstattung geäussert.
Und in der Tat werden inzwischen auch bereits auf der
anderen Seite des Atlantiks Stimmen laut, die meinen,
die viel gelobte Sarbanes-Oxley-Akte zur Kontrolle aller
möglichen Unternehmensprozesse würde - über
völlig verbürokratisierte Kontrollmechanismen
- vor allem das Prinzip Misstrauen zwischen Aktionären,
Verwaltungsrat und Geschäftsführung institutionalisieren.
Wo kämen wir denn hin, wenn wir bei jeglicher
Art von Interaktion zwischen Menschen oder sozialen
Gruppierungen zunächst einmal die Risiken sehen
und den «worst case» analysieren? Wo bliebe
der unternehmerische Geist, wenn der Unternehmer immer
zunächst einmal Angst hat, sein neues Projekt könnte
scheitern? Und warum sollte sich jemand noch in eine
eheliche Beziehung begeben, wenn er doch weiss, dass
die Chance des Scheiterns dieses «Unterfangens»
bei 50% liegt?
Bei der Beurteilung unternehmerischer Leistungen sind
wir heute aber oft nicht weit von solchen oder ähnlichen
Zuständen entfernt. Unternehmerische Initiativen
brauchen oft Zeit, um erfolgreich zu sein. Neue Strukturen
funktionieren nicht über Nacht, und ob sich neue
Produkte am Markt durchsetzen, weiss man auch erst,
wenn sie eine Weile getestet worden sind. Vor allem
bei Publikumsgesellschaften ist das Publikum aber oft
nicht mehr gewillt, dem Management diese Zeit zuzugestehen.
Zu gross ist der Druck der Quartalsergebnisse, zu einseitig
die Berichterstattung über das gerade jetzt Erreichte.
Wer nicht liefert, wird ins öffentliche Schaufenster
gestellt und scheint ein Problem zu haben.
Konsequenzen. Und was sind die Konsequenzen der beschriebenen
Denkmuster? Stichwort Risikomanagement: Der Modebegriff
schlechthin in der Unternehmensführung - Kennen
und Analysieren der Unternehmensrisiken. Hand aufs Herz.
Oft geht es dabei doch nicht mehr darum, die Risiken
zu kennen, sie entsprechend zu managen und produktiv
einzusetzen. Es geht in erster Linie darum, sie zu vermeiden.
Denn wenn kurzfristig etwas schief geht - an sich schon
fast eine Konsequenz langfristig orientierten unternehmerischen
Handelns -, dann sind die Tage des Unternehmensführers
gezählt. Die Fehlertoleranz ist minimal. Die Verweildauer
der CEO wird immer kürzer. Warum sollte man sich
unter solchen Umständen überhaupt langfristig
orientieren. Dass in einer marktwirtschaftlich-freiheitlichen
Ordnung nur dort Erträge generiert werden, wo auch
Risiken eingegangen werden, wird zwar nicht negiert,
fällt aber der Kurzfristorientierung zum Opfer.
Stichwort Managementgehälter: Wir können
Risiken zu messen und zu vermeiden versuchen. Tatsache
ist aber, dass wir es in vielen Bereichen mit stochastischen
oder gar chaotischen Prozessen zu tun haben. Da können
Sie messen so lange Sie wollen. Gewisse Negativereignisse
sind systemimmanent. Wenn dem aber so ist, und die Fehlertoleranz
bei solchen Ereignissen minimal ist, dann muss die Unternehmensführung
- auch die eigenen Risiken wollen ja gemanagt werden
- so schnell wie möglich so viel wie möglich
verdienen. Die zahlreichen globalen Berater im Bereich
Management Remuneration (Entschädigung) helfen
dabei grosszügig mit, die Spirale weiter nach oben
zu drehen.
Korrektur. Ein Teufelskreis? Vielleicht. Wahrscheinlich
müsste eine Korrektur dieser Tendenzen dort ansetzen,
wo sie auch bei persönlichen Beziehungen oder bei
Nicht-Publikumsgesellschaften beginnt. Beim Vertrauen
in die Fähigkeiten und die guten Absichten des
Partners. Menschen funktionieren so. Es ist kein Zufall,
dass Familienunternehmen oder Publikumsgesellschaften
mit dominierenden Unternehmer-Aktionären oft nicht
nur einen längeren Beurteilungshorizont, sondern
auch eine bessere Langfristperformance aufweisen als
reine Publikumsgesellschaften, die bei jedem Quartalseinbruch
in der Luft zerpflückt werden.
Je mehr die Kurzfristorientierung an den Aktienbörsen
zunimmt und je aufwändiger das Kontrollprozedere
für Publikumsgesellschaften wird, desto weniger
attraktiv wird die Publikumsöffnung für die
Unternehmen. Einige der Going Privates, die wir in den
letzten Jahren an den Aktienbörsen gesehen haben,
sprechen hier Bände. Wir müssen aufpassen,
dass Börsengänge nicht mehr nur deswegen stattfinden,
weil die Investment Banker sie brauchen, sondern vor
allem auch deswegen, weil in einem Klima von gegenseitigem
Vertrauen unter verbesserten Finanzierungsbedingungen
die Langfriststrategie der Unternehmensführung
besser gedeihen kann.
Reibungsverlust. Es geht hier nicht darum, Zeiten zurückzuwünschen,
in denen die Berichterstattung nicht viel mehr wert
war, als das Papier auf dem sie geschrieben wurde. Es
geht aber darum, Reibungsverluste zu vermeiden, die
durch unsinnige Regeln und Regulationen hervorgerufen
werden, die ein Misstrauensklima entstehen lassen und
in vielen Bereichen völlig falsche Anreize schaffen.
Professor Böckli hat dies kürzlich sinngemäss
wie folgt beschrieben: Ein ausgewogenes Verhältnis
von Führung, Kontrolle und Transparenz an der Unternehmensspitze
ist auf Dauer nur in einem Verhältnis des Grundvertrauens
erreichbar. Sorgen wir dafür, dass dieses Erfolgsmodell
auch in der Beziehung zwischen Aktionären, Verwaltungsrat
und Management von Publikumsgesellschaften wieder vermehrt
Einzug hält.
* Erwin W. Heri ist Professor für Finanzmarkttheorie
am Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum (WWZ) der Universität
Basel.
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