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«Anleger brauchen starke Nerven»
Aktienanleger schlafen am ruhigsten, wenn sie sich
für eine klare Strategie entschieden haben.
CASH: Herr Heri, Sie haben nun bereits das vierte Buch
über Geldanlage geschrieben. Muss man den Anlegern
denn wirklich immer wieder das Gleiche predigen?
ERWIN HERI: Predigen ist vielleicht nicht das richtige
Wort, aber es ist schon so: Jede Anlegergeneration macht
immer wieder die gleichen Fehler. Die Leute lernen aus
der Geschichte nicht. Und Anlageexperten, die die Langfristigkeit
vertreten haben und vertreten wie vor 40 Jahren schon
André Kostolany, müssen sich halt teilweise
wiederholen.
Das hat ja auch etwas Tröstliches.
In der Tat. Alle Anleger haben die Möglichkeit,
selber ihre Lehren zu ziehen. Sie können von den
Irrtümern der andern profitieren.
Nur wenige Investoren können aber offenbar in
historischen Zusammenhängen denken. Sollte Geschichte
demnach für sie obligatorisch sein?
Ja, ein Studium der Geschichte zumindest der Finanzmärkte
und der Wirtschaft wäre zweifellos nützlich.
Ist es nicht auch so, dass die Anbieter von Finanzprodukten
gar kein Interesse daran haben, dass die Anleger die
richtigen Lehren ziehen?
Das würde ich so nicht sagen. Es sind ja die Kunden,
welche die Produkte verlangen, und für jede Nachfrage
gibt es auch ein Angebot. Sicher, ein Teil des Anlagegeschäftes
ist umsatzbezogen. Dagegen kann man auch nichts einwenden.
Für neue innovative Produkte soll man ja auch etwas
bezahlen.
Welches sind aus Sicht eines langjährigen Marktbeobachters
die grössten Sünden der Anleger?
Sicher ist, dass sich die meisten Anleger zu sehr von
Emotionen leiten lassen. Konkret: von Angst und Gier.
Angst führt dazu, dass man zu Tiefstkursen verkauft,
und aus Gier springen die Anleger im letzten Moment
auf einen Modetrend auf. Zu den grundlegenden Fehlern
zählt sodann, überhaupt keine Anlagestrategie
zu haben.
Was sollen die Anleger tun?
Zuerst sollten die Investoren ein klares und langfristiges
Kernportfolio definieren, das auf sie zugeschnitten
und ziemlich passiv investiert ist. Weil das aber langweilig
ist, kann mit 20 bis 30 Prozent der Anlagen eine aktivere
Strategie verfolgt werden. Das befriedigt den Spieltrieb.
Aktien sollten nur mit einem Anlagehorizont von zehn
Jahren und mehr gekauft werden. Muss es denn wirklich
so lange sein?
Ja unbedingt, denn nur dann ist die Wahrscheinlichkeit
sehr klein, mit Aktien auch in schwierigen Zeiten kein
Geld zu verlieren. Das haben alle historischen Untersuchungen
klar gezeigt. Wer beispielsweise 1994 diversifiziert
in Aktien investiert hat, kommt trotz dem Rekordeinbruch
der Jahre 2000 bis 2002 noch auf eine jährliche
Durchschnittsrendite von acht Prozent.
Das heisst aber nicht, dass dies auch in Zukunft so
sein muss.
Bisher hat mir noch niemand schlüssig widerlegen
können, warum die letzten 200 Jahre kein guter
Massstab für das sein sollen, was in den nächsten
Jahren an den Finanzmärkten passieren wird. Die
Geschichte weist den Weg.
Also Aktien diversifiziert zehn Jahre halten, und dann
wird alles gut?
Wenn die Baisse von 2000 bis 2002 noch etwas gezeigt
hat, dann dies: Ein langer Anlagehorizont genügt
nicht. Die Anleger brauchen auch starke Nerven. Wer
wegen der grossen Preisschwankungen der Aktien nicht
mehr schlafen kann, sollte auf Dividendenpapiere verzichten.
Die historisch höheren Renditen dieser Papiere
müssen manchmal buchstäblich erlitten werden.
Dennoch, ist eine Zehnjahresplanung nicht zu viel verlangt?
Das finde ich nicht. Zehn Jahre sind keine unendlich
lange Periode. Die Pensionierung ist beispielsweise
für fast jeden 50-Jährigen deutlich länger
als zehn Jahre entfernt. Ab diesem Alter müssten
sich die Leute aber zwingend mit ihrer Rente zu beschäftigen
beginnen.
Sie empfehlen den Anlegern eine Buy-and-Hold-Strategie
und eine Diversifikation über Anlagefonds. Die
Leistung vieler Fonds ist aber dürftig, und die
Gebühren sind hoch.
Diesen generellen Vorwurf lasse ich nicht gelten. Wem
Anlagefonds zu teuer sind, kann auf günstige Indexfonds
oder ETF ausweichen. Und wer dies nicht will, weil der
Durchschnitt zu langweilig ist, kann eine Wette auf
einen aktiv agierenden Fondsmanager abschliessen, dem
er vertraut. Im Internet kann man sich heute ja im Detail
über jeden Fonds und jeden Fondsmanager informieren.
Wer ein Haus baut, erkundigt sich schliesslich auch
über den Architekten, den Baumeister und die Handwerker.
In welcher Verfassung befinden sich die Aktienmärkte
auf Grund Ihres Gleichgewichtsmodells heute?
Die Börse ist auf der Basis meiner Gleichgewichtsmodelle
nicht teuer bewertet. Auf der andern Seite sollten solche
Modelle nicht überstrapaziert werden. Auch eine
bereits günstig bewertete Börse kann noch
billiger werden. Wir wissen: Längerfristig gibt
es eine Tendenz zum Gleichgewicht. Doch auch dieses
Gleichgewicht ist nicht konstant.
Wenn die Zinsen nur leicht steigen und die Unternehmensgewinne
sich gemäss den Erwartungen entwickeln, darf also
in den nächsten Jahren mit steigenden Aktiennotierungen
gerechnet werden.
Gewiss, man darf derzeit die Aktienquote in der oberen
strategischen Bandbreite halten, sollte aber die Risiken
des globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichts nicht
ganz aus den Augen verlieren.
Sollte das Schwergewicht der Aktienanlagen auf Europa
liegen?
Sicher, die europäischen Börsen erscheinen
derzeit am billigsten bewertet. Wer mit dem nötigen
langfristigen Anlagehorizont investiert, sollte aber
auch die dynamischeren Märkte in Asien und in Osteuropa
im Auge behalten. Dort winken die grössten Renditechancen,
aber logischerweise auch die grössten Risiken.
Und nicht zu vergessen: Es geht nie einfach gradlinig
aufwärts.
Stimmt der Eindruck, dass gegenwärtig vor allem
institutionelle Anleger nur zögerlich Aktien kaufen?
Ja. Die Risikofähigkeit der Versicherer, die 2002
nur noch sehr geringe Aktienquoten hatten, ist halt
nur langsam gestiegen. Immerhin hat aber die Swiss Life
vor kurzem bekannt gegeben, dass sie die Aktienquote
wieder leicht erhöht hat.
In Ihrem Buch haben Sie die Hedge Funds heftig kritisiert.
Ich möchte nicht falsch interpretiert werden.
Grundsätzlich wären die Hedge Funds interessante
Anlageinstrumente. Sie erlauben es, auf Risiken zu setzen,
die man sonst nicht eingehen kann. Die Voraussetzung
wären aber wirklich transparente Produkte, die
zu vernünftigen Kosten vertrieben würden.
Aber solche Hedge Funds gibt leider nicht.
ihre Meinung
Kasten: Erwin Heri, 51, ist Präsident der OZ Bankers
AG und
Professor für Finanzmarkttheorie an den Universitäten
Basel und Genf.
Zudem führt er eine Firma für Unternehmensberatung
in Winterthur. Heri
studierte in Basel Sozialwissenschaften. Von 1995 bis
2000 war er
Konzernleitungsmitglied der Winterthur-Versicherungen.
Zwischen 2000 und
2002 arbeitete er als Chief Financial Officer bei der
CS Financial
Services. Zu seinen Hobbys zählt der frühere
Spitzensportler auch das
Schreiben. Sein neuestes Buch, «Moden und Mythen
an den Anlagemärkten»,
ist das vierte für Privatanleger.
Anlageerfolg: Performance des langfristigen Kernportefeuilles.
Anlagemisserfolg: «Fast alle meine bisherigen
kurzfristigen Wetten
gingen in die Hosen.»
Hobbys: Schreiben und Lesen, Finanzmärkte, Sport.
Autor: Von Fredy Gilgen
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