Cash, 13.01.2005

«Anleger brauchen starke Nerven»

Aktienanleger schlafen am ruhigsten, wenn sie sich für eine klare Strategie entschieden haben.

CASH: Herr Heri, Sie haben nun bereits das vierte Buch über Geldanlage geschrieben. Muss man den Anlegern denn wirklich immer wieder das Gleiche predigen?

ERWIN HERI: Predigen ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es ist schon so: Jede Anlegergeneration macht immer wieder die gleichen Fehler. Die Leute lernen aus der Geschichte nicht. Und Anlageexperten, die die Langfristigkeit vertreten haben und vertreten wie vor 40 Jahren schon André Kostolany, müssen sich halt teilweise wiederholen.

Das hat ja auch etwas Tröstliches.

In der Tat. Alle Anleger haben die Möglichkeit, selber ihre Lehren zu ziehen. Sie können von den Irrtümern der andern profitieren.

Nur wenige Investoren können aber offenbar in historischen Zusammenhängen denken. Sollte Geschichte demnach für sie obligatorisch sein?

Ja, ein Studium der Geschichte zumindest der Finanzmärkte und der Wirtschaft wäre zweifellos nützlich.

Ist es nicht auch so, dass die Anbieter von Finanzprodukten gar kein Interesse daran haben, dass die Anleger die richtigen Lehren ziehen?

Das würde ich so nicht sagen. Es sind ja die Kunden, welche die Produkte verlangen, und für jede Nachfrage gibt es auch ein Angebot. Sicher, ein Teil des Anlagegeschäftes ist umsatzbezogen. Dagegen kann man auch nichts einwenden. Für neue innovative Produkte soll man ja auch etwas bezahlen.

Welches sind aus Sicht eines langjährigen Marktbeobachters die grössten Sünden der Anleger?

Sicher ist, dass sich die meisten Anleger zu sehr von Emotionen leiten lassen. Konkret: von Angst und Gier. Angst führt dazu, dass man zu Tiefstkursen verkauft, und aus Gier springen die Anleger im letzten Moment auf einen Modetrend auf. Zu den grundlegenden Fehlern zählt sodann, überhaupt keine Anlagestrategie zu haben.

Was sollen die Anleger tun?

Zuerst sollten die Investoren ein klares und langfristiges Kernportfolio definieren, das auf sie zugeschnitten und ziemlich passiv investiert ist. Weil das aber langweilig ist, kann mit 20 bis 30 Prozent der Anlagen eine aktivere Strategie verfolgt werden. Das befriedigt den Spieltrieb.

Aktien sollten nur mit einem Anlagehorizont von zehn Jahren und mehr gekauft werden. Muss es denn wirklich so lange sein?

Ja unbedingt, denn nur dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein, mit Aktien auch in schwierigen Zeiten kein Geld zu verlieren. Das haben alle historischen Untersuchungen klar gezeigt. Wer beispielsweise 1994 diversifiziert in Aktien investiert hat, kommt trotz dem Rekordeinbruch der Jahre 2000 bis 2002 noch auf eine jährliche Durchschnittsrendite von acht Prozent.

Das heisst aber nicht, dass dies auch in Zukunft so sein muss.

Bisher hat mir noch niemand schlüssig widerlegen können, warum die letzten 200 Jahre kein guter Massstab für das sein sollen, was in den nächsten Jahren an den Finanzmärkten passieren wird. Die Geschichte weist den Weg.

Also Aktien diversifiziert zehn Jahre halten, und dann wird alles gut?

Wenn die Baisse von 2000 bis 2002 noch etwas gezeigt hat, dann dies: Ein langer Anlagehorizont genügt nicht. Die Anleger brauchen auch starke Nerven. Wer wegen der grossen Preisschwankungen der Aktien nicht mehr schlafen kann, sollte auf Dividendenpapiere verzichten. Die historisch höheren Renditen dieser Papiere müssen manchmal buchstäblich erlitten werden.

Dennoch, ist eine Zehnjahresplanung nicht zu viel verlangt?

Das finde ich nicht. Zehn Jahre sind keine unendlich lange Periode. Die Pensionierung ist beispielsweise für fast jeden 50-Jährigen deutlich länger als zehn Jahre entfernt. Ab diesem Alter müssten sich die Leute aber zwingend mit ihrer Rente zu beschäftigen beginnen.

Sie empfehlen den Anlegern eine Buy-and-Hold-Strategie und eine Diversifikation über Anlagefonds. Die Leistung vieler Fonds ist aber dürftig, und die Gebühren sind hoch.

Diesen generellen Vorwurf lasse ich nicht gelten. Wem Anlagefonds zu teuer sind, kann auf günstige Indexfonds oder ETF ausweichen. Und wer dies nicht will, weil der Durchschnitt zu langweilig ist, kann eine Wette auf einen aktiv agierenden Fondsmanager abschliessen, dem er vertraut. Im Internet kann man sich heute ja im Detail über jeden Fonds und jeden Fondsmanager informieren. Wer ein Haus baut, erkundigt sich schliesslich auch über den Architekten, den Baumeister und die Handwerker.

In welcher Verfassung befinden sich die Aktienmärkte auf Grund Ihres Gleichgewichtsmodells heute?

Die Börse ist auf der Basis meiner Gleichgewichtsmodelle nicht teuer bewertet. Auf der andern Seite sollten solche Modelle nicht überstrapaziert werden. Auch eine bereits günstig bewertete Börse kann noch billiger werden. Wir wissen: Längerfristig gibt es eine Tendenz zum Gleichgewicht. Doch auch dieses Gleichgewicht ist nicht konstant.

Wenn die Zinsen nur leicht steigen und die Unternehmensgewinne sich gemäss den Erwartungen entwickeln, darf also in den nächsten Jahren mit steigenden Aktiennotierungen gerechnet werden.

Gewiss, man darf derzeit die Aktienquote in der oberen strategischen Bandbreite halten, sollte aber die Risiken des globalen wirtschaftlichen Ungleichgewichts nicht ganz aus den Augen verlieren.

Sollte das Schwergewicht der Aktienanlagen auf Europa liegen?

Sicher, die europäischen Börsen erscheinen derzeit am billigsten bewertet. Wer mit dem nötigen langfristigen Anlagehorizont investiert, sollte aber auch die dynamischeren Märkte in Asien und in Osteuropa im Auge behalten. Dort winken die grössten Renditechancen, aber logischerweise auch die grössten Risiken. Und nicht zu vergessen: Es geht nie einfach gradlinig aufwärts.

Stimmt der Eindruck, dass gegenwärtig vor allem institutionelle Anleger nur zögerlich Aktien kaufen?

Ja. Die Risikofähigkeit der Versicherer, die 2002 nur noch sehr geringe Aktienquoten hatten, ist halt nur langsam gestiegen. Immerhin hat aber die Swiss Life vor kurzem bekannt gegeben, dass sie die Aktienquote wieder leicht erhöht hat.

In Ihrem Buch haben Sie die Hedge Funds heftig kritisiert.

Ich möchte nicht falsch interpretiert werden. Grundsätzlich wären die Hedge Funds interessante Anlageinstrumente. Sie erlauben es, auf Risiken zu setzen, die man sonst nicht eingehen kann. Die Voraussetzung wären aber wirklich transparente Produkte, die zu vernünftigen Kosten vertrieben würden. Aber solche Hedge Funds gibt leider nicht.

ihre Meinung

Kasten: Erwin Heri, 51, ist Präsident der OZ Bankers AG und
Professor für Finanzmarkttheorie an den Universitäten Basel und Genf.
Zudem führt er eine Firma für Unternehmensberatung in Winterthur. Heri
studierte in Basel Sozialwissenschaften. Von 1995 bis 2000 war er
Konzernleitungsmitglied der Winterthur-Versicherungen. Zwischen 2000 und
2002 arbeitete er als Chief Financial Officer bei der CS Financial
Services. Zu seinen Hobbys zählt der frühere Spitzensportler auch das
Schreiben. Sein neuestes Buch, «Moden und Mythen an den Anlagemärkten»,
ist das vierte für Privatanleger.

Anlageerfolg: Performance des langfristigen Kernportefeuilles.

Anlagemisserfolg: «Fast alle meine bisherigen kurzfristigen Wetten
gingen in die Hosen.»

Hobbys: Schreiben und Lesen, Finanzmärkte, Sport.

Autor: Von Fredy Gilgen