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Stocks,
09.09.2005 |
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Zins-Puzzle?
Die weltweiten Zinsen im langfristigen Bereich - als
Messlatte dient oft die Rendite langfristiger Staatsanleihen
- befinden sich seit Monaten (um nicht zu sagen Jahren)
auf Niveaus, die auch eingefleischte Experten erstaunen
und die Prognosen der meisten Auguren immer wieder Lügen
strafen.
Inzwischen sind wir wieder einmal an einem Ort angelangt,
bei welchem vermutet wird, die traditionelle Ökonomie
sei halt nicht mehr im Stande, die Entwicklungen der
realen Welt zu erklären und es seien neue Paradigmen
gefragt, um der Entwicklung der langfristigen Zinsen
auf den Grund zu gehen. Wer sich schon etwas länger
mit den Kommentaren über das Geschehen an den Finanz-
und Zinsmärkten auseinandersetzt und die Rufe nach
neuen Erklärungsansätzen schon einige Male
vernommen hat, hat immer wieder ähnliche Déjà-Vue
Empfindungen. An sich sind es weniger neue theoretische
Erklärungen die Not tun, als vielmehr Kommentatoren,
die die theoretischen Ansätze auch wirklich verstehen.
Wenn in einschlägigen Kolumnen zur Zinsentwicklung
heute behauptet wird, das Fed (die US Zentralbank) habe
offensichtlich ein Glaubwürdigkeitsproblem, weil
"entgegen aller Erfahrung" die langfristigen
Zinsen nicht den von der Zentralbank kontrollierten
Renditen im kurzfristigen Bereich gefolgt seien, und
es dem Fed deswegen nicht gelinge eine Wachstumsabschwächung
zu "produzieren", dann sind das zumindest
fragwürdige Äusserungen.
Hierzu einige grundsätzliche Bemerkungen (die
aus der traditionellen Ökonomie stammen):
Zunächst einmal sind es vor allem die Realzinsen
- sprich die um die Inflation oder die Inflationserwartungen
korrigierten Zinsen - die einen Einfluss auf die Wirtschaftsaktivität
ausüben. Des weiteren sollte man sich weniger auf
irgendeinen Zinssatz konzentrieren, wenn man die Wirkung
der Zinsen auf die Konjunktur kommentieren will, sondern
vor allem auf die Zinsstruktur, d.h. die jeweiligen
Zinsniveaus über das gesamte Laufzeitenspektrum.
Innerhalb dieser Zinsstruktur sind die Zentralbanken
insbesondere im kurzfristigen Bereich tätig. Gelegentlich
hört man deswegen auch, dass die Kurzfristzinsen
geradezu von den Zentralbanken "gemacht" würden.
Im längerfristigen Bereich ist das völlig
anders. Dort werden die Zinsen in erster Linie von den
Angebots- und Nachfragestrukturen der institutionellen
Anleger beeinflusst. Neben strukturellen Gegebenheiten
spielen in diesem Bereich dann auch die oben bereits
angetönten Inflationserwartungen eine entscheidende
Rolle. Mit anderen Worten: die in letzter Zeit mehr
und mehr gehörte Aussage, die langfristigen Zinsen
würden vor allem dann ansteigen, wenn die Zentralbanken
ihre Zinspolitik versteifen würden, entbehrt jeglicher
Grundlage. Wie sich die Langfristzinsen bei einer geldpolitischen
Intervention im Kurzfristbereich verhalten, hängt
davon ab, welche Auswirkungen die Zinspolitik auf die
Inflations- und Konjunkturerwartungen der Marktteilnehmer
haben. Wenn eine Zinsversteifung als Signal für
eine konsequente und glaubwürdige Antiinflationspolitik
interpretiert wird, dann kann sie im langfristigen Bereich
durchaus zu einer Zinssenkung führen. Sollte sie
aber als Indiz dafür angesehen werden, dass die
Zentralbank selber schon das Gefühl hat, Inflation
oder Konjunkturentwicklung würden bald überborden,
dann entstehen erst recht Inflationserwartungen mit
der Konsequenz, dass von den Anlegern höhere Zinsen
verlangt würden. Zinspolitische Aktionen können
also durchaus die unterschiedlichsten Wirkungen im Bereich
der langfristigen Zinsen haben, ohne dass damit die
Notenbank in einen Erklärungsnotstand kommt.
Entsprechend werden auch die Zentralbanken nicht ohne
einen Blick auf die Zinsstruktur irgendwelche Aktionen
unternehmen. Tatsächlich lässt sich nämlich
zeigen, dass die Konjunkturentwicklung insbesondere
durch die Zinsstruktur und nicht durch irgendeinen Zinssatz
beeinflusst wird. Über die letzten 30 Jahre ist
praktisch jedem Konjunktureinbruch in der westlichen
Welt unmittelbar eine Inversion der Zinsstrukturkurve
vorausgegangen. Oder noch prägnanter: in den letzten
30 Jahren hat praktisch jede Inversion der Zinsstrukturkurve
einen Konjunktureinbruch ausgelöst. Es sind also
nicht isolierte zinspolitischen Aktionen, die es jeweils
in bezug auf die konjunkturellen Auswirkungen oder irgendwelche
vermeintlich komischen (oder auch nicht) Reaktionen
der Langfristzinsen im Auge zu behalten gilt, sondern
die Auswirkungen dieser Aktionen auf die gesamte Zinsstruktur.
In der heutigen Zeit hat man "Puzzles" und
Anomalien leicht zur Hand, wenn an den Märkten
irgendetwas geschieht, das man mit Null-Acht-Fünfzehn
Theorien gerade nicht erklären kann. Die traditionellen
Erklärungsansätze sind aber oftmals reicher
als man denkt - vor allem dann, wenn man bereit ist,
nicht nur an der Oberfläche zu bleiben.
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