FTD, 03.01.2005

Elendig leiden

Interview / Über die Vorzüge der Portfoliotheorie und die Fehler vieler Anleger spricht Erwin Heri, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Basel

FTD Rohstoffe und Gold liefen 2004 besonders gut. Muss die Portfoliotheorie jetzt neu geschrieben werden?

Heri: Nein. Gold und Rohstoffe sind Anlagekategorien wie alle anderen auch und passen durchaus in die Analyse der modernen Portfoliotheorie. Auf der anderen Seite sind die beiden Anlagen typische Moden, die immer dann von Analysten empfohlen werden, wenn sie bereits gut gelaufen sind. Für den langfristigen Anleger bedeutet das eher, dass er nun aussteigen sollte. Traditionelle Anlagen in Aktienindizes und Anleihen genügen durchaus für eine vernünftige Strategie. Das klingt natürlich langweilig, aber so sollte das Kernportfolio aussehen.

FTD Investieren ist langweilig?

Heri: Das Kernportfolio sollte gekauft und gehalten werden. Wer Spaß und Aufregung haben muss, kann einen kleinen Teil des Vermögens auch in Rohstoffe, Gold oder andere alternative Anlagen stecken. Aber dafür muss man der Typ sein, die richtige Risikoneigung aufweisen und vor allem verstehen, was man tut.

FTD Fonds sind Ihrer Meinung immer noch das beste Instrument, um die Risiken zu streuen?

Heri: Ja, aber die wenigsten Leute machen das. Das größte Problem bei Privatanlegern ist die mangelnde Diversifikation. Zum Beispiel kaufen die meisten Anleger nur Wertpapiere aus ihren Heimatländern. Das ist gefährlich, weil die Risiken nur auf ein Land konzentriert sind. Zum anderen, und das ist das Schlimmste: 80 Prozent aller Aktieninvestoren haben ihr Geld in gerade einmal zwei oder drei unterschiedliche Aktien gesteckt. Das ist ein enormes so genanntes unsystematisches Risiko, das man nicht eingehen sollte.

FTD Was soll der Anleger bei seiner Strategie berücksichtigen?

Heri: Der persönliche Zeithorizont ist entscheidend. Beispiel: Braucht der Anleger in sieben Jahren Geld, um das Kind auf eine Privatschule zu schicken, dann sollte er eine sichere Staatsanleihe dieser Laufzeit kaufen. Ist der Anleger jung und hat 30 Jahre Zeit bis zur Rente, dann darf er das Geld ruhig in die längerfristig besser rentierenden Aktien stecken.

FTD Aktien sind aber ziemlich unbeliebt, seitdem die Kurse eingebrochen sind.

Heri: Die Risikoprämie für Aktien musste schon immer elendiglich erlitten werden. Das wird auch in der Zukunft so sein. Aber langfristig geht die Rechnung auf, so war es die letzten 200 Jahre, und warum sollte das künftig anders sein? Die langfristige Aktienrendite liegt zwischen sechs und acht Prozent, und auch das Portfolio wird ähnlich rentieren. Dafür muss man aber kaufen und halten und sich vor den Handelsgebühren in Acht nehmen. Gebühren sind vielleicht der am meisten unterschätzte Aspekt der modernen Portfoliotheorie.

FTD Aktien sind nichts für schwache Nerven?

Heri: Sicher, aber wer nachts nicht mehr schlafen kann, weil er Buchverluste verkraften muss, der soll auch keine Aktien kaufen. Auch das hat mit Risikoneigung und Risikofähigkeit zu tun.

FTD Die Portfoliotheorie fordert, man soll das Geld in nicht korrelierende Assetklassen streuen, geht das?

Heri: Nur bedingt. Um ein Beispiel zu geben: Früher wurde betont, internationale Diversifikation sei sinnvoll, weil die Korrelationen tief waren. Doch sobald alle Leute diesen Aspekt begriffen und in Anlageentscheidungen umgesetzt hatten, stiegen die Korrelationen an. Das ist ein typisches Phänomen an den Finanzmärkten, wie wir derzeit bei Hedge-Fonds sehen.

Das Gespräch führte Markus Zydra.