Bund, 30.04.2004

Extremwerte bringen die Rendite

Finanzmarktspezialist Erwin Heri am Frühjahresapero der Von Graffenried Gruppe in Bern

Aktien rentieren im Durchschnitt mit 7 bis 9 Prozent pro Jahr. Das zeigen langfristige Untersuchungen seit 1925. Zwischen den einzelnen Jahren gibt es jedoch grosse Schwankungen. Dabei bestimmen die Extremwerte letztlich den Erfolg oder Misserfolg einer Aktienanlage. Wer die fünf besten Aktienjahre seit 1925 verpasste, erzielte nur eine gleich hohe Rendite wie mit einem Obligationenportfolio: 4 bis 5 Prozent pro Jahr. Das erklärte Erwin Heri, Professor für Finanztheorie an den Universitäten Basel und Genf, gestern am Frühjahresapero der Von Graffenried Gruppe in Bern.

Heri ist Vorsitzender des Anlagekomitees der Publica, der Pensionskasse des Bundes, Präsident der Anlagestiftung Winterthur, welche 150 Pensionskassen betreut, sowie Präsident der OZ Bank in Zürich. Als damaliger Finanzvorstand und Anlagechef der Credit Suisse Financial Services hatte er die Unbill der Finanzmärkte nach dem Jahr 2000 hautnah miterlebt. Gestern skizzierte er Lehren aus dem Börsengeschehen.

«In einer anderen Welt»

Sowohl in Boomphasen als auch bei sinkenden Kursen kursierten viele Fehleinschätzungen, sagte er. Analysten, frisch ausgebildet von der Uni, argumentierten immer nur in einer Richtung. Wer Ende der 90er-Jahre gewarnt habe, der Aktienmarkt könnte auch wieder mal nach unten drehen, dem sei mitleidig auf die Schulter geklopft worden - mit dem Hinweis, «dass wir halt jetzt in einer anderen Welt leben und man solle sich doch bitte langsam daran gewöhnen».

Nach dem Einbruch der Kurse habe es genau so getönt - aber mit umgekehrten Vorzeichen. Aus den Katastrophenszenarien seien überall die gleichen Konsequenzen für die Anlagestrategie der nächsten zehn Jahre abgeleitet worden: Aktien seien zu risikoreich, stattdessen sei in Produkte mit Kapitalgarantie zu investieren (was immer das auch heisse). Langfristig halten sei falsch, vielmehr müsse aktiver gehandelt werden.

«Aber die Märkte entschieden sich wieder einmal anders», stellte Heri fest. Statt gesunken seien die Kurse im vergangenen Jahr kräftig gestiegen. Das erstaune nicht: «Ein Blick in die Geschichte lehrt uns, dass besonders schlechte Perioden oft von besonders guten Jahrgängen gefolgt werden». Der Hauptgrund: Nach Börseneinbrüchen seien die Aktien häufig unterbewertet, in Boomphasen umgekehrt überbewertet. Die Übertreibungen korrigierten sich nach ein, zwei Jahren.

Seitdem die Stimmung gedreht habe, funktioniere der Herdentrieb erneut: Aktien seien wieder begehrt. Dagegen würden Anlagefonds diskreditiert. «Sie produzieren halt weniger Schlagzeilen als die Aktien einzelner Gesellschaften», erklärte Heri. Der Anlagefonds bilde immer nur einen Durchschnitt ab, Rosinen gebe es da nicht zu pflücken. Manch einer wäre aber froh gewesen, er hätte beim letzten Absturz nur mit dem Index verloren und nicht die Abstürze einiger Blue Chips erlebt, warnte er.

Risiken senken mit Anlagefonds

Untersuchungen zeigten, dass sich das Engagement in Einzeltitel längerfristig nicht lohne, sagte Heri weiter. Das gelte momentan ganz besonders: «Wenn wir nicht wissen, welches die grossen Gewinner eines möglicherweise noch weiteren Aktienanstiegs sind (und wer weiss das schon), dann ist es doch wohl am besten, wenn wir zunächst beim Aufbau weiterer Aktienpositionen möglichst wenig Risiken laufen.» Das beste Mittel dazu sei eine breite Diversifikation - «ergo ein Anlagefonds».

Wer seinen Spieltrieb ausleben möchte, könne zusätzlich zu einem Grundstock aus Aktienfonds mit einem kleinen Teil des Vermögens Einzeltitel kaufen und versuchen, den Index zu schlagen. Wenn dies gelinge, sei es positiv; andernfalls sei der Verlust nicht allzu gross.

Vorteile der gemischten Fonds

Seine Überlegungen seien nicht nur für Aktienfonds gültig, sondern auch für Obligationenfonds und nicht zuletzt für gemischte Fonds. «Nach wie vor ist es so, dass ein gemischter Fonds die wahrscheinlich billigste, sicher aber die effizienteste und auch flexibelste Anlageform für den grössten Teil unserer Anlagekundschaft ist», stellte Heri fest. (-ll-)

Guido Albisetti.

DIENSTLEISTUNGEN · Guido Albisetti wird Geschäftsleitungsvorsitzender der Von Graffenried Gruppe. Er wird diese Aufgabe in der zweiten Jahreshälfte übernehmen. «Er ist der Amtsälteste, 50-jährig und als Schwiegersohn meines Bruders mit der Familie verbunden», sagte Verwaltungsratspräsident Charles von Graffenried. Er selber bleibe Präsident der Holding und werde weiterhin Gesellschaften, Familien und Einzelpersonen beraten. Charles von Graffenried hält 80 Prozent der Aktien, Rudolf von Graffenried 20 Prozent.

Nach der im vergangenen Jahr erfolgten Reorganisation besteht die Von Graffenried Gruppe aus der Holding und vier Tochtergesellschaften. Die GR-Beratungen wird von Guido Albisetti geleitet, die GR-Liegenschaften von Martin Heiniger, die GR-Privatbank von Marcel Eggimann und die GR-Treuhand von Beat Schmuckli. Die Gruppe beschäftigt mit den Aussenstellen in Zürich, Biel und Brig 186 Mitarbeitende, davon 155 in Bern.

Albisetti, der neue Gruppenleiter, gehört auch der Konzernleitung der Espace Media an. Dort führt er den Bereich Immobilien/Beteiligungen. Die Von Graffenried Gruppe habe juristische Mitarbeit am «gelungenen Projekt ,Berner Modell' Berner Zeitung BZ und Bund» geleistet, sagte Von Graffenried. «Eine solche komfortable Lösung ist in diesem Umfang weder in Basel noch in Luzern und St. Gallen möglich geworden», stellte er fest.