Bund, 30.04.2004

Lausbuben auf der Lauer

«Viele Lausbuben sind hinter Ihrem Geld her», warnt Erwin W. Heri.Der Buchautor und Professor der Finanztheorie meint, dass die bewährten Regeln der Aktienanlagen weiterhin Bestand hätten.

Hans Peter Arnold

«Investieren Sie.»So lautet das erste der acht Gebote der Geldanlage, welche Erwin Heri im Rahmen einer Buchpublikation vor gut drei Jahren niedergeschrieben hat.«Investieren Sie in Aktien», sollte es eigentlich heissen.Denn diese versprechen über eine lange Frist betrachtet die höchsten Renditen.Wie viel genau?Heri rechnete den Besuchern des Frühlings-Apéros der Von Graffenried Gruppe im Berner Bellevue Palace vor: «Über die Spanne von 1926 bis 2003 rentierten Aktien in der Schweiz im Schnitt 7,9 Prozent, Obligationen 4,6 Prozent und Immobilien 2,3 Prozent».

Falsche Empfehlungen

Wer vor einem Jahr in der Aktienbaisse den Bettel hinschmiss, habe einen schlechten Deal gemacht.Seit Anfang 2003 hätten die Aktien je nach Index zwischen 50 bis 80 Prozent zugelegt.All jene Anleger seien damals auf Anlageberater hereingefallen, welche für den Wechsel auf eine äusserst konservative Strategie (kapitalgeschützte Produkte, Lebensversicherungen) plädiert hätten.

Der Präsident der OZ Bank, Verwaltungsrat von Ciba und Hilti, Uni-Professor in Basel und Genf sowie Ex-Spitzenmanager der CS Group zu den Lehren:

* Traue den vielen Gurus nicht («Lausbuben wollen Ihr Geld»).
* Langfristig bringt die «langweilig-disziplinierte Anlage» in Aktien, Obligationen und Immobilien das beste Resultat.
* Investieren Sie nur in Anlagen, welche Sie verstehen (viele strukturierte Produkte dürften deshalb wegfallen).

Heri unterscheidet zwischen der «richtigen» und «empfohlenen» Anlagestrategie.Bei rekordtiefen Aktienkursen auf Absicherungsprodukte zu setzen, sei nicht intelligent.Heri: «Weshalb soll ich mich in einer Phase nach unten absichern, wenn die Kurse bereits die Talsohle erreicht haben?»Richtig sei es in dieser Situation, auf Aktien zu setzen. Zusätzlich wären vor einem Jahr Call-Optionen eine ideale Lösung gewesen.

In Zeiten des Börsenbooms hätten jedoch Absicherungen (unter anderem Hedge Funds) durchaus eine Berechtigung.Im letzten Jahr sei immer wieder die Hypothese zu hören gewesen: «An den Aktienmärkten gibt es wohl längere Zeit nichts mehr zu verdienen.Ein neues Denken ist gefordert.»

«Falsch», meint Heri.Ebenso falsch seien Analogien zur Wirtschaftskrise der 30-er Jahre («damals hatte die Politik völlig falsch auf die Krise reagiert»), zur 20-jährigen Baisse am japanischen Aktienmarkt («Japan ist mit den Strukturen in Europa und USA nicht zu vergleichen») und das Argument der geopolitischen Risiken («die Welt war im Kalten Krieg nicht sicherer»).

Euphorie und Angst

Der Blick zurück zeige, wie oft gute Börsenjahre mit schlechten abwechselten und umgekehrt.So weit so gut.Das Problem ist gemäss Heri, dass Leute im Allgemeinen schlecht mit Verteilungen und insbesondere mit deren Extremwerten (Euphorie und Angst) umgehen können: «Es ist nämlich interessant, dass immer dann, wenn wir solche Extremwerte hinter uns haben, wir immer so tun, als hätte sich die zugrunde liegende Verteilung grundsätzlich verändert.Im Sinne von: ‹Wir leben jetzt in einer völlig neuen Welt.› Entsprechend leiten wir daraus strategische Schlussfolgerungen ab, die im Zweifelsfall völlig falsch sind.»

Eklatant ist in diesem Zusammenhang: Besonders schlechten Perioden sind oft besonders gute Jahrgänge gefolgt.Eigentlich sollte dies gemäss Heri nicht überraschen: «Denn Über- und Unterbewertungen tendieren dazu, sich über die Zeit wieder auszugleichen.»