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Basler
Zeitung, 21.06.2004 |
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Allzu viel ist ungesund
Es ist noch keine zehn Jahre her, dass wir aus den
Firmensitzen zahlreicher Schweizer Grossunternehmen
Bemerkungen hörten, die sich gegen den immer mehr
um sich greifenden amerikanischen Formalismus und gegen
das kurzfristige Denken richteten, die sich in den damals
immer stärker um sich greifenden Quartalsabschlüssen
amerikanischer Unternehmen äusserten. Das waren
die Zeiten, als wir uns damit begnügen mussten,
dass bei vielen Schweizer Firmen so zwischen April und
Juni endlich darüber berichtet wurde, wie denn
das letzte Jahr finanziell ausgesehen hatte. Das Rechnungswesen
und die Revisionsgesellschaften brauchten die ersten
paar Monate des neuen Jahres, um einen Geschäftsabschluss
zu produzieren, der aufzeigte, wie das letzte Jahr "gelaufen"
war.
Immer schneller
Heute ist das völlig anders. Nicht wenige Unternehmen
loben sich, dass schon früh im Februar - bei den
"Klassenbesten" schon im Januar -, nicht nur
testierte Jahresabschlüsse vorliegen, sondern sogar
schon gedruckte Jahresberichte. In den USA (natürlich
in den USA!) werden die Zahlen wichtiger Konzerne bereits
15 Tage nach Ende des Geschäftsjahres präsentiert.
Das muss so sein, denn schon bald nach Jahresende will
man sich ja mit dem Abschluss des ersten Quartals beschäftigen,
damit man den Informationshunger der Investoren so etwa
ab Anfang März mit den ersten Schätzungen
für das erste Quartal besänftigen kann.
"Brave New World"? Vielleicht. So schreibt
ein "Zürcher Blatt", das sich gerne als
Benchmark des Wirtschaftsjournalismus in der Schweiz
sieht, dass "...wer früh mit Zahlen an die
Öffentlichkeit gelangt ... Vertrauen und Transparenz
schafft; eine frühe Publikation ist nicht zuletzt
ein Zeichen einer gut funktionierenden Organisation
und gesunder Finanzen".
150 Firmen in 120 Ländern...
Natürlich waren die Verhältnisse vor zehn
Jahren völlig anders. Weder hatte man die Systeme
noch die Prozesse, noch waren vielerorts die Zahlen
sauber genug aufbereitet, um überhaupt kurzfristig
über alle Details zu informieren. An einzelnen
Orten waren noch nicht einmal die kritischen Geschäftszahlen
bekannt, die kurzfristige Reaktionen möglich gemacht
hätten. Und ohne Zweifel waren die Bemerkungen
von wegen Langfristigkeit und strategischem Denken oft
auch eine Ausrede für Defizite im Controlling und
teilweise im Rechnungswesen. In dem Sinne war der Druck
in Richtung Transparenz und prozessorientierter Zahlenaufarbeitung
durchaus heilsam.
Aber jedem, der meint, Jahresabschlüsse müssten
doch eigentlich noch im Januar und erste Quartalsschätzungen
schon im März erstellt werden, weil dies "State
of the Art" sei und schliesslich etwas mit "gesunden
Finanzen" zu tun habe, dem sollte es gegönnt
sein, sich einmal die Erstellung eines Jahresabschlusses
eines globalen Konzerns, der vielleicht 150 Firmen in
120 Ländern konsolidiert "von innen"
anzusehen. Vielleicht würde er dann merken, dass
der Geschäftsabschluss für das Jahr X (trotz
Testat!) vielleicht halt doch nicht ganz alles enthält,
was das Jahr X gebracht hat, einfach weil es vielleicht
- je nach Industrie -, z. B. Geschäftsvorfälle
in Burma zwischen Weihnachten und Neujahr nicht mehr
bis in die Schweiz geschafft haben. Vielleicht hat man
im November "die Bücher bereits geschlossen"
und für den Dezember Schätzungen gemacht.
Pech für den, beispielsweise eine Versicherungsgesellschaft,
dem "ein Lothar passiert" (der Wintersturm
"Lothar" war zwischen Weihnachten und Neujahr).
Vielleicht ist dann dieses Ereignis so wichtig, dass
die Revisionsgesellschaft "noch ein bisschen nachdenken
muss", bevor sie das Testat geben kann. Was machen
wir dann aber mit den Terminen, für welche bereits
zur Presseorientierung eingeladen wurde und mit den
Reservationen der Druckerei für den Geschäftsbericht?
Viele Adeccos
Ich kenne die Details um Adecco nicht. Ich weiss aber
als Anleger, dass mich der Fall etwa 100 Mio Euro an
Revisions-, Anwalts- und Beraterhonorare gekostet hat
und der Börsenwert des Unternehmens vorübergehend
um über 5 Mrd. Franken zurückgegangen ist.
Wir werden weitere solche Fälle bekommen. Sie sind
systemimmanent, wenn man das System in der Art und Weise
strapaziert, wie wir es gerade tun. Wenn man so tut,
als würde Geschwindigkeit in der Berichterstattung
per se Wert schaffen, als wäre der Abschluss einer
Versicherungsgesellschaft das gleiche wie bei einer
Kinogesellschaft.
In aller Regel muss der Investor hinhalten, wenn es
um den letztlichen Adressaten dieser Informationen geht.
Der Investor habe doch das Recht, eine "true and
fair" Darstellung der Unternehmenszahlen des letzten
Jahres (Quartals) zu bekommen und dies nicht erst Wochen
und Monate im Nachhinein. Richtig. Aber welcher Investor?
Der institutionelle Anleger, der einen jahrzehntlangen
Anlagehorizont hat, breit diversifiziert ist und vor
allem langfristige Substanzerhaltung sucht? Oder der
private Anleger, der sich hüten sollte, kurzfristig
irgendwelchen Moden nachzurennen, weil die entstehenden
Kommissionen sonst seine Performance allzu sehr strapazieren?
Kurzfristigkeit - ein Geschäft
Es sind nicht die Investoren, die Kurzfristigkeit suchen.
Es sind gewisse Industrien, für welche die Kurzfristigkeit
an den Finanzmärkten zu einem grossen Business
geworden ist. Es sind beispielsweise die Revisionsgesellschaften,
die mit zunehmender Regulierung immer mehr Umsatz machen,
bis wir am Schluss auch noch die Quartalsabschlüsse
testieren lassen. Es sind die Wertschriftenhändler,
die mit immer kürzerer Kadenz Kaufs- und Verkaufsempfehlungen
publizieren können, und es sind nicht zuletzt gewisse
Medien, denen jeder Geschäftsabschluss (und jeder
"vermasselte" Geschäftsabschluss sowieso)
den Stoff für blumige Schlagzeilen liefert.
Zurück zum Augenmass!
Es geht nicht darum, dass ich in irgend einer Art und
Weise gegen Transparenz, Offenheit oder "true und
fair" wäre. Ganz im Gegenteil. Es geht aber
darum, dass gerade diese Kriterien oft nicht durch erzwungenen
Formalismus erreicht werden.
Entsprechend geht es auch nicht um die Frage, inwiefern
Augenmass und gesunder Menschenverstand unter die Räder
von Formalismen geraten, denn das ist bis zu einem gewissen
Grad bereits geschehen. Es geht um die Frage, ob wir
solches noch weiterspinnen wollen oder ob es vielleicht
Zeit geworden ist, das Rad mal wieder ein wenig zurückzudrehen
und wieder in etwas breiteren Kategorien zu denken.
Vielleicht würde uns das die Chance geben, bei
unerwarteten Zwischenfällen, von denen wir einzig
und alleine wissen, dass sie sich irgendeinmal einstellen,
den Stab etwas genauer zu betrachten, bevor wir ihn
brechen
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