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«Herr Heri, würden Sie Winterthur-Aktien
kaufen?»
Stocks: Würden Sie bei einem Börsengang
Winterthur-Aktien kaufen? Sie beschreiben in Ihrem neuen
Buch Versicherer als Paradebeispiel für falsches
Anlageverhalten.
Erwin Heri: Nein, nein, nicht für falsches Anlageverhalten.
Bilanzierungsregeln zwingen den Versicherern ein stark
prozyklisches Anlageverhalten auf. Mit steigenden Börsenkursen
wächst das Eigenkapital und kann die Aktienquote
erhöht werden; umgekehrt schrumpfen bei fallenden
Börsen die Eigenmittel und muss auf Grund schwindender
Risikofähigkeit die Aktienquote verringert werden.
Die Versicherer werden dadurch nicht nur zu Opfern,
sondern auch zu Protagonisten höherer Volatilitäten
an den Aktienmärkten.
Also sollte ich doch Versicherungsaktien meiden,
umso mehr, als erste Gesellschaften wie Swiss Life ihre
Aktienquoten wieder erhöhen.
Es geht mir nicht darum, die Branche zu verteufeln.
Ich warne einfach vor dem als «Portfolio Insurance»
bezeichneten Anlageverhalten, das viele Grossanleger
anwenden, nicht nur Versicherer. Das könnte, wie
bei den Crashs 1987 und 2002, auch den nächsten
grossen Abschwung verschlimmern.
Anders als Versicherer sind Privatanleger frei,
antizyklisch zu investieren. Sollen sie daher bewusst
Trends an den Börsen spielen?
Saisonalitäten wie der Januar-Effekt oder «Sell
in May and go away» sind Mythen ohne statistische
Anlagerelevanz. Stattdessen sollten Aktien als «Buy-and-hold»-Anlagen
betrachtet und mit mindestens zehnjährigem Horizont
stur durchgezogen werden. Nur wenn alle fundamentalen
Bewertungsmodelle auf eine klare Über- bzw. Unterbewertung
hindeuten, ist ein gewisser Aktivismus im Sinn einer
Verringerung resp. Erhöhung der Aktienquote angebracht.
Bloss: Klare Überbewertungen wie 1999 im US-Markt
oder eindeutige Unterbewertungen Anfang 2003 sind relativ
selten. Im Zweifelsfall empfehle ich, die Situation
auszusitzen. Wer den Magen dazu nicht hat, der soll
Aktienanlagen vergessen.
Soll man bewusst auf tief bewertete, von Analysten
verschmähte Titel setzen, wie derzeit Versicherungs-
und Bankaktien?
Sektorrotationen sind schwer prognostizierbar. Und
wer zu viel Aktivismus an den Tag legt, dreht die Performance
aus dem Portefeuille heraus. Ich setze daher primär
auf Länderindizes, um die Risiken möglichst
breit zu streuen. Allerdings können auch Länderindizes
eine geringe Diversifikation aufweisen. Wer z.B. den
Schweizer SMI als Indexanlage kauft, ist schwergewichtig
nur in drei Branchen investiert: Pharma, Finanz und
Nahrungsmittel.
Der Anteil der Fonds, die besser als ihr jeweiliger
Vergleichsindex abschneiden, sank seit den Siebzigerjahren
von über 80 auf 30 Prozent. Wird das noch weiter
zurückgehen?
Auch in Zukunft werden vielleicht 50 Prozent der Fonds
pro Jahr den Index schlagen. Doch es sind nicht jedes
Jahr dieselben. Der Anteil, der über eine Fünf-
bis Zehn-Jahres-Periode den Index übertrifft, wird
wohl auf etwa 20 Prozent sinken. Der Grund ist, dass
es an den Märkten immer weniger Ineffizienzen und
Unterbewertungen gibt und es folglich immer schwieriger
wird, den Index zu schlagen
Daher raten Sie zu Indexanlagen?
Je nach Risikoneigung empfehle ich mindestens 70 bis
80 Prozent Indexanlagen als «Core»-Investments.
Das ist natürlich langweilig. Wer noch etwas Spass
haben will, tätigt maximal 20 bis 30 Prozent aktiv
gemanagte Anlagen. Diese bezeichne ich als «Satelliten»-Investments.
Was kommt dafür in Frage?
Das sind Anlagen, die ganz bewusst und klar von den
breiten Börsenindizes abweichen. Dazu können
«heisse» Aktientipps ebenso zählen
wie aktiv gemanagte Small- Caps- oder Emerging-Markets-Fonds.
Gehören auch Hedge Funds in «Satelliten»?
Ich finde Hedge Funds im Prinzip hochinteressant, weil
sie Risiko/Ertrags-Möglichkeiten erschliessen,
die normalen Anlegern verwehrt sind. Das Problem ist,
dass man Hedge Funds zu Kosten kaufen muss, die unter
dem Strich keine dem eingegangenen Risiko angemessene
Rendite übrig lassen.
Also Hände weg von Hedge Funds?
Privatanleger, ja. Aber Pensionskassen, Versicherer
und andere Grossanleger erhalten bei ihren Anlagesummen
möglicherweise vorteilhaftere Gebührenstrukturen.
Andererseits stellt sich doch auch Grossanlegern
das Problem:Wenn die Märkte, wie Sie sagen, immer
effizienter werden, gibt es immer weniger Ineffizienzen,
aus denen Hedge Funds ihre Performance ziehen können.
Hedge Funds sorgen mit ihren Arbitragestrategien für
effiziente Märkte. Je mehr Manager solche Strategien
anwenden, desto weniger Arbitragemöglichkeiten
bestehen, und die Erträge der Hedge Funds nehmen
ab. Von über 20 Prozent in den Neunzigerjahren
sanken sie auf nunmehr klar unter 10 Prozent auf
ein Niveau, das ich auch mit Einzelaktien erreichen
kann.
Was empfehlen Sie stattdessen?
Nochmals: Hedge Funds können interessant sein,
da ihr Risikoprofil anders aussieht als dasjenige von
Aktien. Aber wer die Gebührenstruktur nicht beeinflussen
kann und trotzdem alternative Anlagen sucht, sollte
eher auf Private Equity setzen. Das ist wenigstens eine
Investition ins produktive Kapital der Volkswirtschaft,
während Hedge Funds nur eine Beteiligung an der
Spekulation von Fondsmanagern darstellen.
Was erwarten Sie für 2005?
Die Märkte sind derzeit weder über- noch
unterbewertet; ich rate daher zu einer neutralen Aktienquote
in der Vermögensstruktur. Zentral ist aber, dass
der Anleger begreift, dass sich seine Vermögensstruktur
nicht aus der Laune der Finanzmärkte heraus ergibt,
sondern aus der Verpflichtungsseite seiner dynamischen
Vermögensbilanz.Wann muss ich das Haus renovieren,
wann brauche in ein neues Auto usw.? Diese Cashflow-Bedürfnisse
auf der Passivseite definieren, wie viel Geld ich langfristig
auf der Aktivseite in «Core»-Anlagen halten
kann. Das Problem ist jedoch, dass Anleger normalerweise
nicht so planmässig vorgehen.Stattdessen kaufen
sie z.B. spontan ABB, weil der Titel auf 6 Franken gesunken
ist, sodass über die Zeit ein unsystematisch zusammengestelltes
Aktiendepot herauskommt, statt zuerst «Core»-Investments
zu tätigen und nur den übrig bleibenden Teil
als Spielgeld für «Satelliten» einzusetzen.
Was wären denn derzeit interessante Anlagen
für die «Satelliten»?
Ich glaube, dass die Wirtschaft in einer besseren Verfassung
ist als die Stimmung der Konsumenten und Investoren.
Daher dürfte 2005 ein eher günstigeres Anlagejahr
werden, als gemeinhin erwartet wird. Aber die guten
Aussichten können sich von heute auf morgen zerschlagen,
wenn es z.B. der chinesischen Zentralbank einfiele,
einen Grossteil der Dollar-Währungsreserven in
Euro umzuschichten. Dann könnte der Dollar urplötzlich
auf einen Franken fallen, was zu einem katastrophalen
Aktienjahr führen würde. Andererseits könnte
es auch zu einer überraschenden Dollar-Erholung
kommen, von der die Wirtschaft in den exportabhängigen
Ländern und damit auch deren Börsen wieder
profitieren würden.
Es kann also so viel Positives wie Negatives passieren,
...
... dass ich mich als Privatinvestor bei den «Satelliten»
nicht jetzt schon positionieren will. Kaufchancen ergeben
sich kurzfristig. Pensionskassen ihrerseits sollten
bei «Satelliten» weiter auf Small und Mid
Caps sowie Schwellenländer setzen. Dies, auch wenn
ich langsam ein ungutes Gefühl habe, weil alle
Leute von Asien schwärmen wie 1997, als der
Euphorie eine tiefe Börsenkrise folgte.
Muss man deswegen jetzt Asien meiden?
Nein, denn wir wissen ja nicht, wann und ob es überhaupt
zu einem solchen Crash kommt. Wenn er geschieht, müssen
wir ihn aussitzen, weil die Wachstumsaussichten in Asien
einfach viel höher als im Westen sind.
Im Westen fällt der positive Effekt der seit
Anfang der Achtzigerjahre sinkenden Zinsen weg; gleichzeitig
haben wir negative demografische Effekte. Sinkt also
künftig die Performance an den Westbörsen?
Die langfristig zu erwartende Performance dürfte
von 8 auf gegen 6 Prozent sinken, ...
... während die Ausschläge zunehmen, da die
Märkte effizienter und schneller reagieren?
Die kurzfristige Intraday- und Intraweek-Volatilität
dürfte steigen. Aber die jährliche Volatilität
wird in etwa gleich bleiben.
Wie investieren Sie persönlich Ihr Geld?
Mit dem «Core» investiere ich international
breit in Aktienindexanlagen, mit Übergewichtung
von Osteuropa und Asien. Ein erster «Satellit»
umfasst Aktien, wo ich beruflich involviert bin, z.B.
als Verwaltungsrat. Einen zweiten, kleineren «Satelliten»
habe ich «zum Heuen», wo ich in Titel rein-
und rausgehe. Meist gehen diese Geschäfte schief,
weil ich nicht der versierte Trader bin. Aber ich habe
Spass. Und das ist ein zentraler Faktor bei der Geldanlage.
Zur Person
Prof. Erwin W. Heri (1954) ist den Stocks-Lesern als
Kolumnist bekannt, Studenten der Universitäten
Genf und Basel als Dozent im Bereich Finanzmärkte
und breiten Anlegerkreisen durch Vorträge und Bücher.
Mit seiner Firma Strategy & Finance Consulting in
Winterthur berät er u.a. Pensionskassen und Family
Offices. Er ist zudem, nebst Mitglied in verschiedenen
Verwaltungs- und Stiftungsräten, auch VR-Präsident
der OZBankers AG, Verwaltungsrat bei Ciba SC sowie Präsident
der Anlagekommission der Bundespensionskasse Publica
und der AWi Anlagestiftung der CS-Gruppe. Dort war er
bis Sommer 2002 Chief Financial Officer der CS Financial
Services, zuvor Finanzchef der Winterthur Versicherungen.
Neues Buch
Die Finanzmärkte seien «reasonably efficient».
Auf dieser These basiert Erwin W. Heris neues Buch «Moden
und Mythen an den Anlagemärkten» (Helbing
& Lichtenhahn, Bezug via www.stocks.ch/bookshop).
Demzufolge fliessen alle relevanten Informationen mehr
oder weniger sofort in die Aktienkurse ein. «Je
mehr Analysten wir haben und je besser sie ihre Arbeit
erledigen, desto weniger braucht es sie, weil sich ihre
Schlussfolgerungen jederzeit umsonst in
den Kursen wiederfinden.» Das Verfolgen angeblich
heisser Tipps bringe also keine Vorteile. Im Gegenteil:Herdentrieb
und der psychologische Effekt, kürzliche Erfahrungen
in die Zukunft zu extrapolieren und weiter zurückliegende
zu vergessen, verführen dazu, bei Höchstkursen
ein- und bei Tiefstkursen auszusteigen. Wer so die besten
Anlagejahre verpasst, erzielt nur obligationenähnliche
Renditen, mit aktienähnlichen Schwankungsrisiken.
Den Ausweg sieht Heri darin, unbesehen aktueller Kursschwankungen
und angeblich saisonaler Kursmuster den Grossteil der
Aktien mit mindestens zehn Jahren Horizont indexiert
anzulegen. (ua)
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