NZZ am Sonntag, 03.10.2004

«Nur noch 6 Prozent Rendite»

Erwin Heri über die heutige Wirtschaftslage und die letzten Börsenjahre

NZZ am Sonntag: Die Investoren sind stark verunsichert. Wie beurteilen Sie die Lage an den Finanzmärkten?

Erwin Heri: Ich bin nun seit dreissig Jahren im Geschäft. Eine grosse Verunsicherung gehört grundsätzlich zum Geschehen an den Finanzmärkten. Sicherheit an den Märkten habe ich jedenfalls noch nie erlebt. Nur im Nachhinein war man immer wahnsinnig sicher.

Sie sagten kürzlich, Sie rechneten künftig mit tieferen Aktienrenditen.

Ich rechne mit einer Aktienrendite in einem globalen Portefeuille von noch rund 6%. Dabei wird erst noch unterstellt, dass die Dividenden immer reinvestiert werden. Die Gesamtrenditen an den Aktienmärkten ergeben sich grundsätzlich aus dem Gewinnwachstum der Firmen und der Zinsentwicklung. Ich gehe dabei von einem langfristigen Wirtschaftswachstum von 2 bis 3% und einem Produktivitätswachstum von 2 bis 3% aus.

Wo stehen wir gegenwärtig im Konjunkturzyklus?

Ich sehe keine Anzeichen für einen Abschwung. Natürlich gibt es Risikofaktoren wie den jetzt Schlagzeilen machenden Ölpreis. Natürlich könnte eine Eskalation im geopolitischen Umfeld eine Wirtschaftskrise auslösen. Wir können externe Schocks nie ausschliessen. Aber wenn wir von dem ausgehen, was heute einigermassen gesichert ist, marschieren wir nicht in einen Abschwung, sondern werden auch im nächsten Jahr ein wahrscheinlich nicht mehr ganz so hohes Wachstum wie 2004 haben.

Warum steigen die Zinsen?

Ich denke, dass die Zinsen aus zwei Gründen steigen: einmal, weil wir tatsächlich eine stabile wirtschaftliche Situation haben. Das treibt die Realzinsen. Der andere Grund ist ein Anstieg der Inflation. Wir stellen fest, dass die Unternehmen zum ersten Mal seit Jahren wieder in der Lage sind, Preissteigerungen am Markt durchzusetzen. Der monetäre Mantel dafür ist vorhanden.

Sie sehen eine Inflationsgefahr?

Nein, aber die Teuerung wird steigen, und wir werden mittelfristig wieder Inflationsraten von gut 2% und mehr sehen. Das ist per se kein Problem, denn eine leichte Inflation nimmt der Einzelne wegen der sogenannten Geldillusion kaum zur Kenntnis, aber sie führt dazu, dass wir in zehn Jahren eine «Entwertung» der Schulden um vielleicht 30% haben. Die Crux ist nur, dass man nicht weiss, wie man milde Inflationen «produziert».

Höhere Zinsen helfen den Pensionskassen, die viel in Obligationen investieren, sind aber Gift für die Aktien.

Wenn die höheren Zinsen auch eine stärkere Wirtschaft spiegeln, was sie meiner Meinung nach tun werden, sehe ich längerfristig für die Aktien kein Problem.

Wie sind heute die Aktienmärkte bewertet?

Ich denke, dass die Aktienmärkte auf den heutigen Niveaus günstig bis fair bewertet sind. Sie sind jedenfalls nicht teuer. Wir haben beispielsweise in der Schweiz einzelne Blue Chips mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter 10. Wann soll man - wenn man langfristig investieren will - solche Werte kaufen? Doch wohl jetzt, und nicht erst wenn das KGV wieder bei 16 ist.

Was sind Ihre Lehren aus den letzten schwierigen Börsenjahren?

Ich versuche das in meinem in wenigen Wochen erscheinenden Buch «Moden und Mythen an den Anlagemärkten» aufzuarbeiten. Wenn ich etwas gelernt habe: Risikofähigkeit heisst nicht nur einen langfristigen Anlagehorizont haben, sondern hat auch eine stark subjektive Komponente. Man braucht starke Nerven. Wer Kursschwankungen nicht aushalten oder gar nicht mehr schlafen kann, sollte die Finger von Aktien lassen.

Worum geht es denn noch in Ihrem Buch über Moden und Mythen?

Ich habe zum Beispiel alte Börsenregeln wie «Sell in May and go away» oder das «Ausnutzen des Januar-Effekts», den Glauben, im Januar erziele man systematisch höhere Renditen, unter die Lupe genommen. Solche Regeln sind nur auf den ersten Blick weise, genauer analysiert, existieren sie gar nicht.

Heute werden Anlagestrategien propagiert, die in jeder Marktphase eine positive Rendite versprechen. Mehr als eine Mode?

Ich sah in den letzten 25 Jahren viele Anlage-Moden kommen und gehen. Mir wurde einige Male erklärt, ich verstünde die neue Börsenwelt nicht mehr. Die neuen Rezepte, die immer positive Renditen versprechen, haben in den letzten Monaten auf jeden Fall auch nicht funktioniert. Die eierlegende Wollmilchsau an den Finanzmärkten gibt es nicht. Es mag einzelne Individuen geben, die über Jahre überdurchschnittliche Renditen erzielen, aber die verkaufen ihre Produkte nicht dem Mann auf der Strasse.

Sehen wir nicht auch an den Börsen eine Art Klimaerwärmung mit künftig noch mehr Wirbelstürmen?

Da bin ich skeptisch. Wenn man das darf, nämlich 50, 8o oder gar 200 Jahre zurückblicken, dann waren die letzten Jahre eine völlig normale zyklische Bewegung - auch das zeige ich in meinem Buch.

Kaum ein Investor denkt in Zyklen. Der Anleger wird vielmehr täglich mit einer Informationsflut konfrontiert.

Richtig, die tägliche Informationsflut ist riesig und die kurzfristige Volatilität auch ein Riesengeschäft, für die Banken und auch für die Medien. Hier gilt es als Investor, die Ruhe zu bewahren.

Interview: Fritz Pfiffner