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«Nur noch 6 Prozent Rendite»
Erwin Heri über die heutige Wirtschaftslage und
die letzten Börsenjahre
NZZ am Sonntag: Die Investoren sind stark verunsichert.
Wie beurteilen Sie die Lage an den Finanzmärkten?
Erwin Heri: Ich bin nun seit dreissig Jahren im Geschäft.
Eine grosse Verunsicherung gehört grundsätzlich
zum Geschehen an den Finanzmärkten. Sicherheit
an den Märkten habe ich jedenfalls noch nie erlebt.
Nur im Nachhinein war man immer wahnsinnig sicher.
Sie sagten kürzlich, Sie rechneten künftig
mit tieferen Aktienrenditen.
Ich rechne mit einer Aktienrendite in einem globalen
Portefeuille von noch rund 6%. Dabei wird erst noch
unterstellt, dass die Dividenden immer reinvestiert
werden. Die Gesamtrenditen an den Aktienmärkten
ergeben sich grundsätzlich aus dem Gewinnwachstum
der Firmen und der Zinsentwicklung. Ich gehe dabei von
einem langfristigen Wirtschaftswachstum von 2 bis 3%
und einem Produktivitätswachstum von 2 bis 3% aus.
Wo stehen wir gegenwärtig im Konjunkturzyklus?
Ich sehe keine Anzeichen für einen Abschwung.
Natürlich gibt es Risikofaktoren wie den jetzt
Schlagzeilen machenden Ölpreis. Natürlich
könnte eine Eskalation im geopolitischen Umfeld
eine Wirtschaftskrise auslösen. Wir können
externe Schocks nie ausschliessen. Aber wenn wir von
dem ausgehen, was heute einigermassen gesichert ist,
marschieren wir nicht in einen Abschwung, sondern werden
auch im nächsten Jahr ein wahrscheinlich nicht
mehr ganz so hohes Wachstum wie 2004 haben.
Warum steigen die Zinsen?
Ich denke, dass die Zinsen aus zwei Gründen steigen:
einmal, weil wir tatsächlich eine stabile wirtschaftliche
Situation haben. Das treibt die Realzinsen. Der andere
Grund ist ein Anstieg der Inflation. Wir stellen fest,
dass die Unternehmen zum ersten Mal seit Jahren wieder
in der Lage sind, Preissteigerungen am Markt durchzusetzen.
Der monetäre Mantel dafür ist vorhanden.
Sie sehen eine Inflationsgefahr?
Nein, aber die Teuerung wird steigen, und wir werden
mittelfristig wieder Inflationsraten von gut 2% und
mehr sehen. Das ist per se kein Problem, denn eine leichte
Inflation nimmt der Einzelne wegen der sogenannten Geldillusion
kaum zur Kenntnis, aber sie führt dazu, dass wir
in zehn Jahren eine «Entwertung» der Schulden
um vielleicht 30% haben. Die Crux ist nur, dass man
nicht weiss, wie man milde Inflationen «produziert».
Höhere Zinsen helfen den Pensionskassen, die viel
in Obligationen investieren, sind aber Gift für
die Aktien.
Wenn die höheren Zinsen auch eine stärkere
Wirtschaft spiegeln, was sie meiner Meinung nach tun
werden, sehe ich längerfristig für die Aktien
kein Problem.
Wie sind heute die Aktienmärkte bewertet?
Ich denke, dass die Aktienmärkte auf den heutigen
Niveaus günstig bis fair bewertet sind. Sie sind
jedenfalls nicht teuer. Wir haben beispielsweise in
der Schweiz einzelne Blue Chips mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis
von unter 10. Wann soll man - wenn man langfristig investieren
will - solche Werte kaufen? Doch wohl jetzt, und nicht
erst wenn das KGV wieder bei 16 ist.
Was sind Ihre Lehren aus den letzten schwierigen Börsenjahren?
Ich versuche das in meinem in wenigen Wochen erscheinenden
Buch «Moden und Mythen an den Anlagemärkten»
aufzuarbeiten. Wenn ich etwas gelernt habe: Risikofähigkeit
heisst nicht nur einen langfristigen Anlagehorizont
haben, sondern hat auch eine stark subjektive Komponente.
Man braucht starke Nerven. Wer Kursschwankungen nicht
aushalten oder gar nicht mehr schlafen kann, sollte
die Finger von Aktien lassen.
Worum geht es denn noch in Ihrem Buch über Moden
und Mythen?
Ich habe zum Beispiel alte Börsenregeln wie «Sell
in May and go away» oder das «Ausnutzen
des Januar-Effekts», den Glauben, im Januar erziele
man systematisch höhere Renditen, unter die Lupe
genommen. Solche Regeln sind nur auf den ersten Blick
weise, genauer analysiert, existieren sie gar nicht.
Heute werden Anlagestrategien propagiert, die in jeder
Marktphase eine positive Rendite versprechen. Mehr als
eine Mode?
Ich sah in den letzten 25 Jahren viele Anlage-Moden
kommen und gehen. Mir wurde einige Male erklärt,
ich verstünde die neue Börsenwelt nicht mehr.
Die neuen Rezepte, die immer positive Renditen versprechen,
haben in den letzten Monaten auf jeden Fall auch nicht
funktioniert. Die eierlegende Wollmilchsau an den Finanzmärkten
gibt es nicht. Es mag einzelne Individuen geben, die
über Jahre überdurchschnittliche Renditen
erzielen, aber die verkaufen ihre Produkte nicht dem
Mann auf der Strasse.
Sehen wir nicht auch an den Börsen eine Art Klimaerwärmung
mit künftig noch mehr Wirbelstürmen?
Da bin ich skeptisch. Wenn man das darf, nämlich
50, 8o oder gar 200 Jahre zurückblicken, dann waren
die letzten Jahre eine völlig normale zyklische
Bewegung - auch das zeige ich in meinem Buch.
Kaum ein Investor denkt in Zyklen. Der Anleger wird
vielmehr täglich mit einer Informationsflut konfrontiert.
Richtig, die tägliche Informationsflut ist riesig
und die kurzfristige Volatilität auch ein Riesengeschäft,
für die Banken und auch für die Medien. Hier
gilt es als Investor, die Ruhe zu bewahren.
Interview: Fritz Pfiffner
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